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Veranstaltungsreihe "30 Jahre BGW"

Übersicht

 

Kaffee, Kuchen, Kucken

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Eine besondere Schifffahrt über Spree und Landwehrkanal am 20. Mai 2012

 

Anfang der 1980er Jahre kam die Berliner Geschichtswerkstatt auf die Idee, einen normalen Berliner Ausflugs“dampfer“ zu mieten und den Gästen bei entspannter Atmosphäre vom Wasser aus Berlin und die Berliner Geschichte zu zeigen. Absicht war es, hinter die Fassaden zu blicken, verborgene und verdeckte Geschichte und Geschichten darzustellen.

 

Das Konzept ging auf. Seit 1984 veranstaltet der Verein historische Stadtrundfahrten mit dem Schiff. Im Laufe der Jahre sind zahlreiche Themenfahrten entstanden: Litera-Tour, Frauengeschichte(n), Emigrantenschiff, Rebellisches Berlin, jüdisches Berlin, Berlin in den 1940er Jahren, Einwanderungsstadt Berlin, die Vereinigungstour, Musikfahrt, Mauergeschichte(n), Insel West-Berlin, Krimi-Tour, Rio-Reiser-Tour, Rund um Moabit, Ab durch die Mitte.

 

tl_files/bgw/dampfer/Sema Binia (2).JPGBei der 3 ½ stündigen Fahrt am 20. Mai 2012 im Rahmen der Veranstaltungsreihe „30 Jahre Berliner Geschichtswerkstatt“ wurden Teilstücke aus einem Teil der Thehmenfahrten vorstellt.

 

Als kompetenter Gesprächspartner stand das ehemalige Dampfergruppenmitglied Thomas Heppener, heute Geschäftsführer der Anne-Frank-Stiftung Berlin, zur Verfügung. In Kurzinterviews ging es auch um die Frage, auf welche Weise Geschichte lebendig Jugendlichen vermittelt werden kann. Dabei beteiligte sich auch das Publikum auf dem Schiff.

 

Für die Dampfergruppe waren Jürgen Karwelat und Sema Binia am Mikrofon. Markus Seifert kümmerte sich in gewohnter Routine um den Büchertisch mit der mitgebrachten Berlin-Literatur.


Zeitzeugen noch zeitgemäß?

Podiumsdiskussion am 23. April 2012 mit Regina Szepansky, Cord Pagenstecher und Lutz Sand

Bericht von Sonja Miltenberger

 

tl_files/bgw/verein/Regina Szepansky.JPGZeitzeugen noch zeitgemäß? – Eine Frage, die vor allem diejenigen beschäftigt, die mit der Vermittlung von historischen Ereignissen befasst sind. Deshalb war es auch besonders erfreulich, dass sich zu dieser Veranstaltung eine ganze Reihe von Lehrerinnen und Lehrern eingefunden haben, die – so glaube ich – nicht enttäuscht wurden.

Das Podium war mit den drei Gästen sehr breitgefächert aufgestellt:

Regina Szepansky, die Tochter des 2008 verstorbenen ehemaligen Häftlings des KZ Sachsenhausen Wolfgang Szepansky und stellv. Vorsitzende des Sachsenhausen Komitees in Deutschland, vertrat wohl den direktesten Zugang zu Zeitzeugen – nämlich den der unmittelbaren familiären Erfahrung der nachfolgenden Generation.

Der Historiker Dr. Cord Pagenstecher, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität zu Berlin und BGW-Mitglied, war grundlegend an der Erarbeitung des Online-Archivs „Zwangsarbeit 1939-1945. Erinnerungen und Geschichte“ beteiligt. Sein Ansatz ist natürlich geprägt von einem wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse, dennoch ist für ihn die emotionale Erfahrung mit Zeitzeugen der Ausgangspunkt seiner Arbeit.

Der Sozialkundelehrer Lutz Sand hat seit vielen Jahren im Bereich der Gedenkstättenpädagogik die verschiedensten Ansätze der Vermittlung von Geschichte angewandt. Er bringt einen breiten pädagogischen Erfahrungsschatz mit und weiß, was es bedeutet, Jugendlichen die Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung nahe zu bringen.

Die Geschichte der Zeugenschaft des Zweiten Weltkrieges und des NS-Regimes begann unmittelbar nach dem Ende des Krieges. Damals ging es den Überlebenden vor allem darum, ihre Rechte einzuklagen, als Verfolgte des Naziregimes anerkannt zu werden sowie die Lager als Gedenkorte zu erhalten. Ein weiterer, sehr wichtiger Aspekt, war das Zusammenkommen mit Gleichgesinnten.

In einer Zeit, als die Nazi-Ideologie noch fest in den Köpfen verankert war, boten die Verbände einen geschützten Raum, in dem sich ehemalige Verfolgte trafen. Erst in der Nach-68er-Zeit, also Anfang der 1970 Jahre stieg das Interesse an Zeitzeugen vor allem in Schulen. Bevor der Begriff Zeitzeuge als historische Quelle in die geschichtswissenschaftlichen Betrachtungen von Lutz Niethammer Mitte der 1980er Jahre Eingang fand, war der Zeitzeuge vor allen Dingen erst einmal ein Zeuge vor Gericht. Der erste große Kriegsverbrecherprozess, der gegen Eichmann 1962 geführt wurde, hätte ohne die Zeugenaussagen ehemaliger Häftlinge nicht stattfinden können. Auch Harry Riestau, ein Zeitzeuge, der im Publikum saß, erinnert sich an die Anfänge. Er musste die Erfahrung machen, dass der Zeitzeuge mit Opfer gleichgesetzt wurde. Ein wichtiger Aspekt, deutet er doch auf die ideologische bzw. moralische Kategorisierung von Zeitzeugen hin, deren Erfahrungen und Erinnerungen je nach politischem Kalkül bewertet bzw. „abgerufen“ wurden. Auch Wolfgang Szepansky musste die Erfahrung machen, bis in die 1980er Jahre als politischer Häftling verfemt zu sein. Die Zeiten änderten sich und er bekam 1996 das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

Vielleicht kein Kalkül aber ein Zeichen von Instrumentalisierung der Zeitzeugen ist die zunehmende „Sakralisierung“, die Regina Szepansky beobachtet und thematisiert. Das ursprüngliche Interesse an Erinnerungen aus der Zeit nationalsozialistischer Verfolgung sei in eine Art Verehrung umgeschlagen. Cord Pagenstecher unterstützt den Gedanken. Er sieht die Gefahr einer „Normierung“ der Jugendlichen durch vor allem überengagierte Lehrer. Sie erwarten eher Ehrfurcht als Respekt vor dem Zeitzeugen, was zur Folge hat, dass die Kinder „gute Mine“ machen und das Ende der Lehrveranstaltung ohne wirkliches Interesse abwarten. Von einem krassen Beispiel einer regelrechten „Dramaturgie des Zeitzeugen“ berichtet Cord. So sprach in Italien eine Zeitzeugin im Theater vor 500 Menschen. Unter dem mache sie es nicht mehr, da es zu anstrengend sei. Ein Argument, das verständlich und befremdlich zugleich ist. Um dem entgegenzutreten, setzt Lutz auf pädagogische Konzepte, die eine direkte Begegnung mit dem Zeitzeugen bzw. am authentischen Ort vorsehen.

Ist der Umgang mit Zeitzeugen also nur durch eine „Sakralisierung“ in der Pädagogik einerseits und eine „Professionalisierung“ durch die Wissenschaft andererseits geprägt? Sicher nicht. Cord Pagenstecher bekennt sich als Historiker natürlich zu seinem wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse, gibt aber der Motivation, die er aus der direkten Begegnung mit Zeitzeugen zieht, einen grundlegenden Stellenwert.

Das Online-Archiv (www.zwangsarbeit-archiv.de), das Cord in diesem Zusammenhang vorstellt, soll Wissen vermitteln aber auch die Möglichkeit bieten, sich den Menschen und ihrer Erfahrungen - zwar nicht live, sondern per Video – zu nähern. Hier taucht natürlich die Frage des Verhältnisses zwischen Erfahrung und Wissen auf. Warum interviewen wir Zeitzeugen? Nur um Fakten zu erfahren? Spielt nicht die emotionale Ebene als tragfähige Grundlage von Wissen eine wichtigere Rolle?

In der Diskussion darüber werden noch einmal die beiden Aspekte der Pädagogik und der Wissenschaft beleuchtet.

Cord erzählt, wie über Zeitzeugenaussagen damals in den 1990er Jahren die Interviewer auf ein noch unerforschtes Lager gestoßen sind: das Arbeitserziehungslager Fehrbellin in Brandenburg. Daraufhin begann man mit der historischen Forschung, die einige Jahre später in einer Publikation veröffentlicht werden konnten. Und dies ist nur ein Beispiel, wie persönliche Erinnerung und historisches Faktenwissen zu einem Ergebnis führen, das letztendlich eine Forschungslücke füllt.

Diese Erfahrung widerspricht der Dualisierung von Buch gleich Wissen und Zeitzeuge gleich Emotion. Cord plädiert noch einmal für respektvollen aber auch kritischen Umgang mit Zeitzeugen. Die digitale Technik, so Cord, hat zwar bei der Vermittlung historischer Ereignisse noch viele Nachteile und Verluste aber man kann während der Betrachtung auf bestimmte Passagen zurückgehen oder in anderen Kontexten Begriffe und Fakten nachlesen, um Zusammenhänge besser verstehen zu können. Dies alles bietet eine unmittelbare Begegnung mit Zeitzeugen nicht.

Lutz hingegen setzt auf die Unmittelbarkeit im Zusammenhang mit Geschichtsvermittlung. Seine Erfahrungen brachten ihn zu der Überzeugung, dass nur durch die eigene Beschäftigung der Jugendlichen, das heißt, durch das Erarbeiten historischer Fakten und auch selbst Vortragen persönlicher Erinnerungen an authentischem Ort, eine sinnvolle Auseinandersetzung mit Geschichte und also auch mit der Gegenwart stattfinden kann.

Für beide Konzepte gibt es noch keine aussagekräftige Evaluation.

Aber eines wird an diesem Abend deutlich: Ob „Geschichte zum Anfassen“ oder „Geschichte zum Anklicken“ – es sind keine konkurrierenden Konzepte.

Auch der Zeitzeuge Harry Riestau findet das Online-Archiv großartig, wie er sagte.

 

Gedenkorte zum Nationalsozialismus direkt vor der Haustür

Rundgang in Lichtenrade am 17. März 2012

Bericht von Adreas Bräutigam

 

Bei diesem Rundgang ging es um die Geschichte der Entstehung dieser Gedenkorte, an der man exemplarisch die Entwicklung von 30 Jahren Gedenkkultur in unserem Land in Bezug auf den Nationalsozialismus ablesen kann. Insbesondere die Geschichte des „Erich-Hermann-Platzes“ soll hier wiedergegeben werden.

Ausgangspunkt für die Aktivitäten der Geschichtswerkstatt Lichtenrade war 1983 die Information, dass es auch im beschaulichen Lichtenrade ein Außenlager des KZ Sachsenhausen gegeben hatte. An dieses Lager, so das Anliegen, sollte mit einer Gedenktafel erinnert werden. Nach umfangreichen Recherchen, öffentlichen Aktionen und entsprechender Überzeugungsarbeit bei den bezirklichen Gremien wurde 1987 im Rahmen der 750-Jahr-Feier durch den damaligen Volksbildungsstadtrat von Tempelhof Klaus Wowereit am Bornhagenweg ein Mahnmal zur Erinnerung an das Außenlager eingeweiht.

Durch diesen Erfolg ermutigt, begann die Gruppe 1988 mit der Sammlung von über 200 Unterschriften für die Benennung des Platzes Wünsdorfer Straße / Ecke Blohmstraße in „Erich-Hermann-Platz“ und richteten am 29. Mai 1988 eine entsprechende schriftliche Bitte an den Tempelhofer Volksbildungsstadtrat Klaus Wowereit. 

Klaus Wowereit reagierte wohlwollen, leitete das Schreiben an die SPD-Fraktion der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof weiter und diese brachte einen entsprechenden Antrag am 14.09.1988 in die BVV ein. Natürlich wurde er in der BVV-Sitzung am 7. Dezember 1988 mit den Stimmen der Mehrheitsfraktion der CDU abgelehnt.

Es dauerte dann 14 Jahre bis im Jahr 2002 Teilnehmer eines von der Geschichtswerkstatt Lichtenrade veranstalteten Rundgangs die Erich-Hermann-Geschichte zum Anlass nahmen, die Platzbenennungsaktivitäten wieder anzuschieben. Es wurden wieder Unterschriften gesammelt und Kontakt zur SPD und Bündnis 90 / die Grünen im nunmehr schon fusionierten Bezirk Tempelhof-Schöneberg aufgenommen. Am 20. November 2002 brachte die SPD-Fraktion einen Beschluss-Antrag in die BVV ein: „Die Bezirksverordnetenversammlung wolle beschließen: Der Platz an der Ecke Wünsdorfer -/ Blohmstraße in Lichtenrade erhält den Namen „Erich-Hermann-Platz“ und wird mit einer Gedenktafel ausgestattet. Begründung: In der Silvesternacht 1932/33 wurde am früheren Kaiser-Friedrich- und heute namenlosen Platz in Lichtenrade der damals 18-jährige Jungkommunist Erich Hermann von dem SA-Angehörigen Fritz Osthof erstochen. Dieser Mordakt steht exemplarisch für den Zivilisationsbruch, der sich kurz vor der nationalsozialistischen Machtübernahme im Januar 1933 bereits deutlich abzeichnete. Eine Benennung des Platzes nach Erich Hermann würde, in Verbindung mit einer entsprechenden Gedenktafel, an diese politisch motivierte Aufkündigung ziviler Umgangsformen erinnern und damit vor allem für die nachwachsenden Generationen den Wert des gesellschaftlichen Grundkonsenses der Gewaltfreiheit wach halten.“

Der Antrag wurde in den Kulturausschuss zur Beratung überwiesen. Dort konnte die Geschichtswerkstatt Lichtenrade am 6. Februar 2003 auf Einladung der Ausschussvorsitzenden Reingard Jäkl (damals Bündnis 90 / Die Grünen) als Sachverständige die bis dato bekannten historischen Fakten und Sachverhalte rund um den Mord an Erich Hermann darstellen. Der Platzbenennungsantrag wurde in der Sitzung des Kulturausschusses am 3. April 2003 mit 8 Ja-Stimmen, 5 Nein-Stimmen und 2 Enthaltungen angenommen und mit entsprechender Beschlussempfehlung an die Bezirksverordnetenversammlung zurückgeleitet.

Dort kam es am 30. April 2003 noch einmal zu einer kontroversen Debatte „mit einigen sehr fragwürdigen Argumenten der CDU“, wie es ein Bezirksverordneter der SPD dann später ausdrückte. Der Platzbenennungsantrag wurde abgestimmt und schließlich mehrheitlich angenommen. Die Ausführung der Straßenbeschilderung hat dann noch einmal zwei Jahre gedauert. Am 4. Mai 2005 enthüllte der damalige Bezirksbürgermeister der SPD Ekkehard Band die neuen Straßenschilder am Erich-Hermann-Platz.

Im Jahre 2007 folgte die von einem breiten Zusammenschluss engagierter Bürger getragene, ausschließlich durch Spenden finanzierte und unter großer Anteilnahme der Lichtenrader Bevölkerung vollzogene Verlegung von 33 Stolpersteinen.

Leider sind die genannten Gedenkorte immer wieder auch Angriffen und Beschädigungen ausgesetzt. Das Straßenschild am Erich-Hermann-Platz wurde bereits mehrfach beschmiert und von der Geschichtswerkstatt wieder gesäubert. Die jüngste Farb-Attacke im Januar 2012 traf die Stolpersteine in der Mellener Straße. Mittlerweile sind auch sie bereits weitgehend wieder gereinigt. Aber Aufmerksamkeit ist weiter erforderlich. „Der Schoß ist fruchtbar noch …“

 

30 Jahre Geschichtsarbeit „von unten“ – Reicht das jetzt?

Diskussionsveranstaltung am 27.02.2012

Bericht von Andreas Bräutigam

 

tl_files/bgw/verein/M1400027.JPGDie Diskussionsveranstaltung fand am historischen Ort, im Kreuzberger Mehringhof statt, dort wo 1981 die Gründungsversammlung des Vereins stattfand.

Als Diskutanten eingeladen waren die Gründungsmitglieder der Berliner Geschichtswerkstatt Susanne zur Nieden (heute Lehrerin) und Thomas Lindenberger (heute Mitarbeiter im Zentrum für zeithistorische Forschung Potsdam) sowie der ein Jahr nach Gründung eingetretene Siegfried Heimann (heute in der Historischen Kommission der SPD tätig). Die Moderation hatte Jürgen Karwelat, langjähriges Mitglied des Vereins übernommen.

Die Veranstaltung begann mit einem gemeinsamen Rückblick auf die Gründungstage. Der Gründungsaufruf war im Stattbuch veröffentlicht – einem damals bekannten Branchenbuch und Wegweiser durch das alternative Berlin. Auf der Anwesenheitsliste der Gründungsveranstaltung am 25.5.1981 haben sich 25 Personen eingetragen. Dabei waren die Motive der Beteiligten recht unterschiedlich. Ursprüngliches Ziel der „Älteren Männer“ war es, ein „Bewegungsarchiv“ der 68er aus der Taufe zu heben.  Den jüngeren schwebte schon eine Geschichtswerkstatt vor. Zu klären war auch die Frage der Namensgebung für den neuen Verein. Namensvorschlag von Theo Pinkus – einem frühen Mentor der Geschichtswerkstatt – war „Franz-Mehring-Gesellschaft“ in Erinnerung an den marxistischen Historiker und Chronisten der Arbeiterbewegung. Aus Gründen der Gleichberechtigung – schließlich sollten ja auch Nichtsozialdemokraten und Frauen angesprochen werden – wurde dieser Vorschlag dann aber abgelehnt und man einigte sich auf „Berliner Geschichtswerkstatt“.

Treffpunkt blieb zunächst weiterhin ein abgetrennter Raum in einer der Fabriketagen des Mehringhofs. Jedoch wurde auch von der Geschichtswerkstatt erwartet, dass sie, wie damals basisdemokratisch üblich, an allen Versammlungen der Mehringhofgemeinschaft teilnimmt. Das führte schnell dazu, dass die Vereinsmitglieder mehr Arbeit in die Versammlungskultur des Mehringhofes als in die eigene Vereinsarbeit investieren mussten, was man auf die Dauer nicht durchzuhalten bereit war und sich einen neuen Vereinssitz in der Goltzstraße suchte.

Als erstes Vereinsprojekt wurde eine Ausstellung zur Nachkriegszeit für die Sommeruni konzipiert, die leider auch eine Ausstellungstafel zum Thema Banken und Kapitalismus mit antisemitischen Untertönen beinhaltete und daher zu kontroversen Diskussionen führte. Bei den Vereinsmitgliedern handelte es sich um eine äußerst heterogene Gruppe, die zu einem Gutteil antiakademisch orientiert war und sich als Laienhistoriker verstand. Man sah sich als Teil der Alternativbewegung und grenzte sich durch die Orientierung auf die mündlich erzählte Geschichte von Zeitzeugen („Oral history“) bewusst von der ausschließlich auf schriftlichen Quellen basierenden Arbeit der konservativ geprägten, akademischen Geschichtsforschung  und -gesellschaft ab. Doch gab die neue Methodik schnell Anlass zu akademischem Streit und Diskussionen.

Für den 50. Jahrestag der Machtübertragung an die Nationalsozialisten – den 30. Januar 1983 – war es Ziel der Geschichtswerkstatt,  eine Broschüre zur Geschichte Schönebergs zu erstellen. Bei der Recherche in alten Polizeiberichten der NS-Zeit stießen Mitglieder des Vereins auf den Namen einer Zeitzeugin, die laut Bericht an der Denunziation von Juden beteiligt war, was aber in ihren mündlich  der Geschichtswerkstatt erzählten Erinnerungen keine Rolle mehr spielte. Über diesen Widerspruch kam es zu zum Teil heftigen akademischen Kontroversen hinsichtlich der Bewertung des Wahrheitsgehaltes von Zeitzeugenberichten und über die Methodik der Oral History überhaupt.

Ein Highlight war für die Geschichtswerkstatt das von der Senatsverwaltung für Wirtschaft mit ca. 18.000 DM gesponserte bundesweite Geschichtsfest im Jahre 1984. Der Geschichtswerkstatt wurde für ca. 9 Monate die Stelle eines Geschäftsführers finanziert. Thomas Lindenberger übernahm den Job und organisierte das Geschichtsfest. Zahlreiche westdeutsche Gruppen kamen nach Berlin, Gezählt wurden am Ende über 700 Teilnehmer, was zu einer wahren Bewegungseuphorie führte und Ansporn zur weiteren Geschichtsarbeit bot.

Die Ernte konnte dann zur 750-Jahr-Feier Berlins im Jahre 1987 eingefahren werden. Der Geschichtswerkstatt, die zwar inhaltlich alles anders machen, ein Stück vom Finanzkuchen, der zur Begehung des Stadtjubiläums bereitstand, aber abbekommen wollte, wurden drei Projekte mit je 200.000 DM bewilligt: Der Wedding, die Rote Insel und der Lindenhof. Neben Buchpublikationen wurden auch Ausstellungen gemacht, von denen die Rote Insel im Rahmen des Kulturabkommens mit der DDR sogar in Ost-Berlin gezeigt wurde.

Parallel zur den diversen saisonalen Projektgruppen und -arbeiten konstituierte sich bereits 1984 die Dampfergruppe. Mit großer Stetigkeit bietet sie bis heute historische Dampferfahrten an und ist damit zu einem wesentlichen Stabilitätsfaktor für die Geschichtswerkstatt in Vergleich zu der immer wieder wechselnden Projektarbeit geworden, so die Einschätzung der Diskussionsteilnehmer.

Ein Dauerthema insbesondere auch für interne rege Diskussionen der Berliner Geschichtswerkstatt war in den 80er Jahren die Frage: Wo bleiben die Frauen? Sie wurde zunächst mit der Verankerung der Frauenfrage in § 2 der Satzung zu Zweck und Aufgaben des Vereins beantwortet. „Geschichte soll insbesondere auch als Geschichte von Geschlechtern begriffen und dargestellt werden“, heißt es dort.

Nach dem Fall der Mauer konnte die Frauenfrage dann auch nach Ost-Berlin getragen werden. Nach zahlreichen Kontakten und Gesprächen in Ostberlin im Frühjahr 1990 kam es dort schließlich zur Gründung einer eigenständigen Geschichtswerkstatt wegen zu starker westlicher Belehrung: Bei der Vorstellung einer Ostberliner Historikerin mit den Worten „Ich bin Historiker“ wurde sie von westlicher Seite korrigiert: „In ihrem Falle hieße das „Historikerin““.

Das große Projekt „August 1914“ mit einem Budget von 1,5 Millionen DM wurde im Jahr 1989 gestartet. Zwei Gruppen arbeiteten parallel an einem Buch und einer Ausstellung. Trotz der heftigen internen Diskussionen und der zeitlich gescheiterten Umsetzung der Ausstellung fand das Projekt eine große öffentliche Resonanz. Mit dem verstärkten Blick auf die Mentalitätsgeschichte zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurde mit dem Projekt ein erster Schritt in Richtung Kulturgeschichte und damit zu Entpolitisierung und Ästhetisierung getan, so ein Podiumsteilnehmer.

 Auf die Ausgangsfrage der Veranstaltung zurückkommend, äußerte Thomas Lindenberger, das Konzept „Geschichtswerkstatt“ hätte Erfolg gehabt, sei aber nicht mehr zeitgemäß, da es nicht mehr innovativ wäre und in anderen Zusammenhängen wie etwa Heimat- oder Lokalmuseen (z.B. Eisenhüttenstadt) weitergeführt würde. Siegfried Heimann befand die Geschichtswerkstatt ebenfalls als Erfolgsgeschichte, hätte sie doch zur „Entstaubung“ der Heimatmuseen beigetragen. Er erinnerte außerdem an die gemeinsam mit dem Verein Aktives Museum 1983 durchgeführte symbolische Grabung auf dem Gelände des ehemaligen Gestapo-Hauptquartiers an der Prinz-Albrecht-Straße, die den Anstoß zur Errichtung der heutige Gedenkstätte Topographie des Terrors gegeben hätte. Erinnert wurde auch an die durch die Geschichtswerkstatt geleistete Informationsarbeit zur Aktion T4 sowie an die „Entdeckung“ des baulich nahezu vollständig erhaltenen ehemaligen Zwangsarbeiterlagers in Schönweide. 

Die Berliner Geschichtswerkstatt habe sich in einer besonderen historischen Situation gegründet und sei in der Sache so nicht wiederholbar, meinte abschließend Susanne zur Nieden.

 

Geschichte versus Regionalmuseum - eine Gegenüberstellung

Diskussionsveranstaltung am 30. Januar 2012

Bericht von Angela Martin

 

tl_files/bgw/verein/slider/30.01.2012 1.JPGAn diesem Abend hatte die  Berliner Geschichtswerkstatt drei Gründungsmitglieder des Vereins eingeladen, die heute Museumsdirektoren sind:

- Martin Düspohl, der seit dessen Gründung1991 das KreuzbergMuseum für Stadtentwicklung und   Sozialgeschichte leitet (mittlerweile heißt es Bezirksmuseum Friedrichshain-Kreuzberg);

- Udo Gößwald, seit 1985 Leiter des Museums Neukölln, und

- Andreas Ludwig, der 1993 das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt gegründet hat und es bis heute leitet.

 

Die drei Gäste debattierten sehr lebendig über ihre Erfahrungen in der Geschichtsbewegung, und da zahlreiche weitere Gründungsmitglieder der BGW im Publikum saßen, breitete sich bald ein wenig von jener Aufbruchstimmung der frühen 1980er Jahre aus, die die Anfänge der Berliner Geschichtswerkstatt begleitete. Man fühlte sich damals als Teil der Neuen Sozialen Bewegungen, die sich nach dem Abflauen der 68er-Bewegung entwickelte. Den  Alternativen, Bürgerinitiativen und Geschichtswerkstättlern ging es weniger um große Theorien – auch wenn damals viel Lukacs und Benjamin gelesen wurde, wie Udo Gößwald betonte, – sie kümmerten sich vielmehr um den eigenen Lebensraum: Demonstrationen gegen Atomkraftwerke, Proteste gegen den Bau von Straßen und Flughäfen und der Beginn der Hausbesetzerbewegung – das sind nur einige Schlagworte, um die damalige Atmosphäre zu beschreiben.

 

Die BGW war in die Stadtteilarbeit im Wedding, in Kreuzberg und in Schöneberg integriert. Im Wedding schlug ihr allerdings zunächst eine kalte Wand der Ablehnung entgegen, wie Martin Düspohl erzählte: Als die Wedding-Gruppe des Vereins über den „Roten Wedding“ zu forschen begann, erhielt sie im Heimatmuseum des Bezirks Hausverbot und durfte das Archiv nicht mehr nutzen. Ganz anders reagierte man in Kreuzberg, wo die Kunstamtsleiterin Christa Tebbe die neue Geschichtsbewegung z.B. mit Honorarverträgen unterstützte. Dort fand 1984 auch das Geschichtsfest statt, das erste bundesweite Treffen von Geschichtswerkstätten. Martin Düspohl stellte dafür das damals von ihm geleitete Ballhaus Naunynstraße zur Verfügung. Es kamen mehr als 600 Menschen – zugelassen waren jedoch nur 200 Personen, wie Düspohl lachend berichtete.

 

„Wem gehört die Geschichte?“, das war die Frage. Genervt von der akademischen Geschichtsschreibung, aber auch in Abgrenzung vom Geschichtsverständnis der 68er Bewegung suchten die „Barfußhistoriker“ nach neuen Ansätzen und Methoden. Andreas Ludwig fand im Charlottenburger Werkbundarchiv eine radikale neue Form, die Geschichte zu demokratisieren: In einer Ausstellung mit Alltagsgegenständen ließ er das Publikum die Dinge umorganisieren, so dass ein neues Geschichtsbild entstand.

 

Die französische Annales-Schule und der History Workshop in Großbritannien waren die Vorbilder der Geschichtswerkstätten, alltagsgeschichtliche Themen und Methoden der oral history standen im Zentrum. „Wir hatten den Anspruch, den Leuten eine Stimme zu geben“, sagte Udo Gößwald. „Wir hatten Respekt vor dem Zeitzeugen und seiner Biographie – auch im Museum. Für Historiker – anders als für Ethnologen – war das ungewöhnlich.“

 

Die Geschichtswerkstättler wollten die „Geschichte von unten“ erforschen, also aus Sicht derer, die sie erlebt und erlitten hatten. Und das nach Möglichkeit mit ihnen zusammen. „Laien schreiben Geschichte, das war der große Sprung“, sagte Hilde Schramm, Gründungsmitglied im Publikum. Allerdings war die Zusammenarbeit von Historikern und Laien durchaus schwierig. Ein Beispiel dafür verriet Andreas Ludwig. Vier Jahre lang erforschte eine Gruppe der BGW die Geschichte des Lindenhofs, einer genossenschaftlich organisierten, sozialdemokratisch geprägten Wohnsiedlung im Süden Schönebergs, und publizierte dazu eine Ausstellung und ein Buch. „Allerdings haben die Rechten, die dort wohnten, überhaupt nicht mit uns geredet“, so Ludwig. Nur Leute aus dem sozialdemokratischen Milieu seien ihre Gesprächspartner gewesen, linkere wurden von den führenden Genossen der Genossenschaft ausgegrenzt.

 

Anders als den Museen, die sich damals durchaus reformierten, ging es den Geschichtswerkstätten aber auch um einen topographischen Zugang. „Aus Geschichte lernen ist nicht in globalem Denken möglich, sondern muss vor Ort stattfinden“, glaubt Martin Düspohl, für den Oskar Negts „Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen“ ein Schlüsselbuch war. Bewusst rückte die BGW  daher kleine, zuvor oft kaum beachtete Räume ins Blickfeld: einen Arbeiterkiez oder eine Genossenschaftssiedlung in Schöneberg, die „Jüdische Schweiz“, wie das Bayerische Viertel in den dreißiger Jahren genannt wurde, oder später ein Zwangsarbeiterlager in Niederschöneweide.

 

1983 beteiligte sie sich gemeinsam mit vielen anderen Initiativen an den Gedenkveranstaltungen zum 50. Jahrestag der Machtübergabe. „Kulturrat, Berliner Festspiele und Kultursenat fanden das positiv, sie waren offen für die Initiativen“, so Udo Gößwald. Auch wenn es etwa von Seiten der CDU Widerstand gegen die neuen Formen der Geschichtsaufarbeitung gab – die Geschichtswerkstatt war wohl eher zeitgemäß als Avantgarde. Das meinte jedenfalls Susanne zur Nieden, eine der Gründerinnen, die aus dem Publikum mitdiskutierten. Tatsächlich wurde in Berlin der alte Mief der Heimatmuseen schnell weggeblasen. Und auch andernorts wehte in den Regionalmuseen ein neuer Wind, etwa in Rüsselsheim oder Nürnberg, wie Düspohl ergänzte.

 

Ein weiterer Höhepunkt der ersten Jahre war die 750-Jahr-Feier Berlins 1987. Damals floss viel Geld an die Berliner Geschichtswerkstatt und andere kleine Historikergruppen. Doch dann wurden die finanziellen Verhältnisse schwieriger. Eine institutionelle Förderung hat die BGW nie erhalten, obwohl sie Anlaufpunkt für Journalisten, Historiker, Schüler, Studenten und natürlich für die Stadtteilbewohner ist.

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Mittlerweile haben die Methoden und alltagsgeschichtlichen Themen der Geschichtswerkstättenbewegung  Einzug in die Regionalmuseen gehalten, oral history wird  in Uniseminaren gelehrt. „Was habt Ihr aus der Geschichtswerkstatt mit in die Museen genommen?“ fragte eine Zuhörerin am Ende des Abends die drei Museumsleiter. „Das biographische Prinzip, das Vor-Ort-Prinzip und die Alltagsgeschichte“ kam wie aus der Pistole geschossen die Antwort von Martin Düspohl. Andreas Ludwig betonte, dass man  beim Ausstellen versuchen müsse, Widerspruch zu provozieren. „Die Leute sollen nicht in Gewissheiten verfallen.“ Udo Gößwald meinte angesichts des Bedeutungsverlustes der Berliner Geschichtswerkstatt, dass man noch einmal über Geschichte und Lebenskultur nachdenken müsse. „Und zwar nicht abstrakt, sondern anhand persönlicher Erfahrungen. Wie verfahren die Leute mit Umbrüchen? Wie kann sich die Gesellschaft durch Lebenserfahrung weiterentwickeln?“ Für Gösswalds Museumsarbeit ist daher die subjektive Bedeutung der materiellen Kultur besonders wichtig: „In den Dingen sind Protest, Empathie, Anpassung und vieles mehr abgespeichert.“

Erinnern vor Ort

Diskussionsveranstaltung am 12. Dezember 2011 mit Ruth Zantow, Bernhard Müller und Beate Winzer

Bericht von Sonja Miltenberger

 

Ein Ur-Anliegen der Berliner Geschichtswerkstatt ist es, Gedenkorte sichtbar, Geschichte erlebbar zu machen. Drei Beispiele, die nicht unterschiedlicher hätten sein können, waren an diesem Abend Thema.

 

tl_files/bgw/dampfer/ruth.JPGBevor Ruth Zantrow, Mitglied der Geschichtswerkstatt Lichtenrade, das Stolperstein-Projekt der Gruppe vorstellte, beleuchtete sie in einem kurzen Rückblick die Geschichte der Gruppe. Alles begann Anfang der 1980er Jahre mit einem Aufruf des damaligen Volksbildungsstadtrats von Tempelhof, Klaus Wowereit, Informationen über die Zeit des Nationalsozialismus vor der Haustür zu sammeln. Die Entdeckung eines KZ-Außenlagers von Sachsenhausen in Lichtenrade war der Anfang. Recherchen über die jüdischen Bewohner des Bezirks folgten.

Als dann im Jahre 2006 ein Lichtenrader Ehepaar das erste Mal nach Möglichkeiten fragte, in ihrem Stadtteil einen Stolperstein zu verlegen, begannen die Recherchen nach ehemaligen jüdischen Bewohnern. Am Ende dieser Arbeit stand die Verlegung von 33 Stolpersteinen in Lichtenrade. In enger Zusammenarbeit mit den Lichtenradern entstand ein breites Bündnis in der Bevölkerung. Das Interesse an den Stolpersteinen war enorm. In diesem Zusammenhang thematisierte Ruth Zantow auch die kontroversen Meinungen zu diesem Projekt im Allgemeinen. Und in der Tat werden die Stolpersteinverlegungen durch den Kölner Künstler Gunter Demnig sehr unterschiedlich wahrgenommen. Trampelt man auf den jüdischen Bürgern herum oder muss man sich vor ihnen verneigen, wenn man die Namen lesen will. Doch am Ende zählte die breite Zustimmung in der Bevölkerung, die das Thema der Judenverfolgung nicht nur vor die Häuser, sondern auch in die Köpfe ihrer heutigen Bewohner getragen hat.

 

tl_files/bgw/dampfer/Bernhard.JPGDas Projekt „Mobiles Museum“ der Berliner Geschichtswerkstatt, vorgetragen von Bernhard Müller, kam etwas leichtfüßiger daher. Die Idee, einen ausrangierten Bus der BVG als Ausstellungsraum umzubauen, hatte Ende 1980er Jahre noch etwas Bestechendes. Der Bus, der damals recht problemlos für wenig Geld von der BVG zu erwerben war, wurde in mühevoller Arbeit entkernt und gestrichen. Zuwendungen von Senat gab es nicht. Die erste Ausstellung mit dem Titel „T 4“ über die Euthanasieprogramme der Nationalsozialisten wurde mit viel Enthusiasmus und Energie vorbereitet und durchgeführt. Der Bus erregte großes Aufsehen in der Öffentlichkeit – er stand an einem exponierten Platz in unmittelbarer Nähe zur Philharmonie. Die Presse überschlug sich und die Politiker mussten sich positionieren.

Aber als die Ausstellung vorbei war, kam die Frage auf: Wie soll es weitergehen mit dem „Mobilen Museum“? Es gab kein Nutzungskonzept und die Frage, wo der Bus mit seinen künftigen Ausstellungen stehen soll, polarisierte. Sollte er an dem authentischen Ort des historischen Ereignisses stehen, das in der jeweiligen Ausstellung im Bus behandelt wird – oder eher an einen attraktiven Standort, der viele Besucher anzieht? Eine Entscheidung wurde nie getroffen.

In der Wendezeit zog der Bus noch an verschiedene Orte in Ost- und Westberlin und zeigte seine Ausstellungen, bis er dann Randalieren zum Opfer fiel, die ihn für die Zukunft unbrauchbar machten.

 

tl_files/bgw/dampfer/Beate.JPGBei dem dritten Ort des Erinnerns ging es um ein sehr aktuelles Thema, nämlich die Geschichte des Tempelhofer Flugfeldes, v. a. während der NS-Zeit. Beate Winzer berichtete davon, wie sie 1989 durch einen Zeitzeugen das erste Mal vom KZ Columbiahaus erfuhr. In der Folgezeit bildete sich eine Gruppe junger Leute, die sich mit dem Thema befassten. Angetrieben von der Tatsache, dass es nie eine Strafverfolgung der Täter oder eine Entschädigung für die ehemaligen Häftlinge gab, trugen sie damals viele Informationen zusammen. Die Gruppe zerbrach 1995 und es vergingen 15 Jahre bis sich Beate Winzer entschloß, einen Verein auf die Beine zu stellen. Im November 2010 wurde der Förderverein mit dem Kurznamen THF 33-45 gegründet. Dieser erarbeitete eine Wanderausstellung, die seitdem ihren Weg durch die öffentlichen Häuser geht. Der größte Teil des Vereins jedoch beschäftigt sich mit Pressearbeit, Gespräche mit Abgeordneten und dem Stellen von Anträgen. Für 2013 plant die „Topografie des Terrors“ eine Ausstellung zur Geschichte des Flugfeldes und seiner Umgebung. In dieser Ausstellung soll das Dokumentationszentrum zur NS-Zwangsarbeit die Geschichte der Lager und der Zwangsarbeiter dokumentieren.

Einen Gedenkort wird es geben, nur - wie und was ist noch völlig unklar, da der Träger des Projekts noch nicht feststeht.

 

Von der Industriespree zur Mediaspree

Stadtspaziergang mit Angela Martin am 2. Dezember 2011

 

Bericht von Jürgen Karwelat

 

 

Der November 2011 war der regenärmste November seit Beginn der Aufzeichnungen der Wetterverhältnisse. Mit Beginn des Dezember schlug das Wetter um: Leider genau am Samstag, den 2. Dezember um 13.00 Uhr als sich am U-Bahnhof Schlesische Straße circa 30 Menschen versammelten, um an dem von der Berliner Geschichtswerkstatt organisierten Rundgang  teilzunehmen.

 

 

Rundgang Mediaspree

Unter Führung von Angela Martin, Berliner Geschichtswerkstatt, haben wir uns bei unangenehmen Regen ca. zwei Stunden rund um Osthafen und Schlesische Straße bewegt, um das wohl interessanteste Konversionsgebiet Berlins zu sehen und Näheres darüber zu hören.

 

Kaum vorstellbar, dass hier, wo sich auf der Oberbaumbrücke heute Fahrzeuge an Fahrzeuge reihen,  die Spree einst durch eine Auenlandschaft floss. Im 19. Jahrhundert wurden  Holzplätze und Mühlen errichtet. Die Gegend blieb aber agrarisch geprägt. Wohlhabende Berliner hatten in der  Köpenicker Straße ihre Sommerhäuser, Gärtnereien und Baumschulen ihre Beete und Felder. Erst mit der Industrialisierung, vor allem in der Gründerzeit, wandelten sich die Ufer: Fabriken und Gewerbehöfe wurden gebaut, Arbeiterviertel entstanden, Fabrikschlote bestimmten nun die Silhouette.

 

Bei unserem Rundgang mussten wir feststellen, dass manches davon schon wieder verschwunden ist. Nahe der Oberbaumbrücke auf der Kreuzberger Seite lag einmal die große Textilfabrik Dannenberger. Heute ist Gras darüber gewachsen. Die großen Industrieanlagen, die in den 1880er Jahren auf der Friedrichshainer Seite der Spree gebaut worden waren, wurden in den 1970er Jahren abgerissen, als die DDR ihre Grenzanlagen perfektionierte.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg verließen viele Unternehmer West-Berlin. Durch die Spaltung der Stadt und den Mauerbau geriet das Gebiet südlich der Spree in eine Randlage. Künstler und Studenten fanden billigen Wohnraum in Fabriketagen und Gewerbebauten. Nach der Wende wurden sie durch solvente Unternehmen vor allem der IT- und Medienbranche vertrieben. Ein Beispiel, das wir uns auf unserem Rundgang angesehen haben, ist das Lagerhaus Nordost, das in der Pfuelstraße liegt. Auch internationale Projektentwickler haben die Wasserlage entdeckt – Es gibt hoch fliegende Pläne, den gesamten Bereich zwischen Osthafen und Jannowitzbrücke völlig neu zu bebauen. Dies rief vor einigen Jahren die Bürgerinitiative „Mediaspree versenken“ auf den Plan. Wir befinden uns mitten in diesem Umwälzungsprozess, der nicht zulasten der Kreuzberger und Friedrichshainer Bevölkerung vollzogen werden darf.

 

Der Wind pfiff an diesem Samstag Nachmittag besonders durch die gemauerten Bögen der Oberbaumbrücke, wenigstens waren wir damit aber vor dem feinen Regen sicher und konnten uns die Gebäude rund um den Osthafen anschauen. Der Rundgang endete in dem seit 1 ½ Jahren bestehenden „Rio Grande“, dem Lokal an der alten Doppelschiffsanlegestelle am May-Ayim-Ufer, dem früheren Gröbenufer. Für 5 Mio. Euro hat der Bezirk die alte Anlage renovieren lassen. Im Sommer ist in den Nebenräumen des Lokals eine Ausstellung zur Geschichte des näheren Umfelds zu sehen, finanziert vom Kreuzberg-Friedrichshain-Museum, gestaltet von Angela Martin. Geplant ist für die Zukunft auch eine Ausstellung, wie es dazu kam, dass die Uferstraße seit 2009 nach der deutschafrikanischen Schriftstellerin May Ayim benannt ist und nicht mehr nach dem preußischen General Otto Friedrich von der Groeben, dem Leiter der Westafrika-Expedition 1683, der dort die brandenburgische Kolonie Groß Friedrichsburg (heutiges Ghana) gründete. Sklavenhandel spielte dabei eine Rolle.

 

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