Von Moskau nach Charlottengrad - Russische Emigration in den 1920er Jahren

 16. Oktober 2017

Veranstaltungsbericht

(Sonja Miltenberger, Berliner Geschichtswerkstatt e. V.)


Die Auftaktveranstaltung sollte in erster Linie einen historischen Überblick über die Geschichte russischer Emigranten und Emigrantinnen in Berlin seit den 1920er Jahren bieten.


Doch bevor der Referent, Dr. Ingo Juchler, Professor für politische Bildung an der Uni Potsdam, auf die Zeit nach der Oktoberrevolution einging, lud er die etwa 30 Zuhörer/innen zu einem Rückblick auf die deutsch-russischen Beziehungen früherer Jahrhunderte ein.


Bereits Peter I. knüpfte im frühen 18. Jahrhundert freundschaftliche Beziehungen zu Preußen. Er war der erste Zar, der sich in vielen Bereichen die westeuropäische Kultur und Lebensweise zum Vorbild für sein eigenes Russisches Reich nahm, um es – nach seinen Vorstellungen – zu modernisieren. Auch Alexander I. hatte so gute Kontakte zu Preußen, dass der König, anlässlich eines Besuches des Zaren zu Beginn des 19. Jahrhunderts, den Platz vor dem alten Königstor in Alexanderplatz umbenennen ließ.


Der Focus des Vortrags lag dann aber auf der Zeit nach der Oktoberrevolution bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Referent begann mit einer Frau, die eigentlich keine Russin war. Anastasia, mit bürgerlichem Namen Anna Anderson, behauptete die letzte Tochter der Romanows zu sein. Im Weiteren wurden bekannte Persönlichkeiten – vor allem aus Politik und Kunst – vorgestellt: Michail Bakunin, Ilja Ehrenburg, Maxim Gorki, Boris Pasternak, Emma Goldman, Sergej Eisenstein, Vladimir Nabokow, Marina Zwetajewa und Vera Lurie. Auch durften das Kabarett Der Blaue Vogel, die Erste Russische Kunstausstellung 1922 oder der Prager Platz mit seinen Kneipen und kulturellen Einrichtungen nicht fehlen.


Es gab aber auch einige interessante, weil kaum beachtete, Informationen. So hatte der Zustrom aus Russland – genauer gesagt: aus der Sowjetunion – zu Beginn der Zwanziger Jahre nicht nur mit einer Fluchtbewegung zu tun, sondern auch mit der in Deutschland grassierenden Inflation. Die schwache deutsche Währung sicherte vielen Russen im Deutschland der Zwanziger Jahre einen recht guten Lebensstandard.


Weitere, weitestgehend unbekannte Aspekte, die an dem Abend zur Sprache kamen, waren die deutsch-sowjetische Militärkooperation von 1920 bis 1933, einer, vor der Öffentlichkeit geheim gehaltenen, Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee sowie der Plan der Kommunistischen Internationale, 1923 in Deutschland eine Revolution nach russischem Vorbild zu organisieren. Die Idee, die russische Revolution zu exportieren, funktionierte aber nicht und so wurde der Plan kurz vor dem angesetzten „Termin“ wieder fallengelassen.


In der anschließenden Diskussion ging es vor allem und die Fragen, ob und wie die sehr verschiedenen politischen und sozialen Hintergründe der russischen Community in Berlin zu einander fanden, sich aus dem Weg gingen und gar anfeindeten, wie es nach 1933 weiter ging und wie mit dem Sprachproblem umgegangen wurde.


Ein sehr wichtiger Hinweis kam von einer Zuhörerin, die eine Differenzierung des Sammelbegriffs Russen anmahnte, da es sich bei den Emigranten auch oft um Zugehörigkeiten anderer Völker der damaligen Sowjetunion handelte. Prof. Dr. Juchler verwies darauf, dass das Thema Vielvölkerstaat Sowjetunion bzw. Russland eine eigene Veranstaltung wert sei. Dieses Thema also sollten wir nicht aus den Augen verlieren.