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Russisches Leben in Berlin

Ein Rundgang durch Charlottengrad

am 28. April 2018 um 14.00 Uhr, Treffpunkt Wittenbergplatz

(Veranstaltungsbericht von Peter Lassau, Berliner Geschichtswerkstatt e.V.)

Weit war der Weg von Klein-Petersburg nach Charlottengrad, der ca. 30 Interessierte  am 28. April auf die Spuren des russischen Berlins der 1920er Jahre führte. Vorneweg, drahtig, gut zu Fuß und glänzend vorbereitet, Professor Juchler.

Dem Anlass angemessen war unser Treffpunkt vor dem U-Bahnhof Wittenbergplatz. Von dort hatte man bei wunderbarem Sommerwetter einen freien Blick auf das KaDeWe, so, wie es sich dem Betrachter in den 1920er Jahren dargeboten haben könnte. Ein nobles Kaufhaus. Seine Kundschaft damals, in der Zeit der Inflation: Hauptsächlich Russen, Besitzer von Devisen, die bis zur Einführung der Rentenmark im Jahre 1923 sehr gut mit der rasenden Entwertung der deutschen Reichsmark zurechtgekommen waren.

Weiter führte uns der Weg über Prager Platz zum Viktoria-Luise-Platz. Dutzende von russischen Geschäften, von Kaufläden über Kanzleien bis zu russischen Verlagen hatten hier einst eine Parallelwelt gebildet. Wilde Diskussionen, Kabale, Intrigen, Liebesdramen, heftige Auseinandersetzungen innerhalb der russischen Community hatten sich hier abgespielt, zum Teil absurde Geschichten.

In der Nettelbeckstraße, nahe bei der Urania hatte Anna Anderson bei der Familie des Barons Arthur v. Kleist Aufnahme gefunden. Eine erstaunliche Karriere war es, die diese junge Frau in die Schlagzeilen der Berliner Presse geführt hatte, die ansonsten wenig Notiz von den Berliner Russen nahm. Franziska Schanzkowska, wie sie eigentlich hieß, eine westpreußische Fabrikarbeiterin, war nämlich im Februar 1920 aus dem Landwehrkanal gerettet worden, nannte sich Anna Anderson und behauptete bis zu ihrem Tod hartnäckig, sie sei Anastasia, die jüngste Zarentochter, und sie sei auf abenteuerliche Weise den Bolschewiken entkommen. Das glaubten ihr nicht nur viele Exilanten allzu gern. Erst Jahre nach ihrem Tod konnte in den 1990er Jahren ihre wahre Identität durch eine Genanalyse geklärt werden. Fürwahr eine geniale Anpassung und individuelle Nutzung der Widersprüche der Zeit.

Ein Großteil der Gebäude, in denen sich all diese Dinge abgespielt hatten, ist den Kriegswirren zum Opfer gefallen, etliche sind aber noch erhalten, und auf einige, an die uns unser Rundgang führte, sei hingewiesen:

Trautenaustraße 9

“Trautenau-Haus” oder “Russen-Haus” nannten die Emigranten die ‘Pension Elisabeth Schmidt’, die sich in den 1920er Jahren in diesem Haus unweit des Prager Platzes befand. – Hier wohnte etwa drei Monate lang die bekannte Lyrikerin Marina Zwetajewa. Diese Dichterin liebte Deutschland, hatte eine deutschstämmige Mutter und sprach perfekt Deutsch. Mehrere Monate hatte sie vor dem 1. Weltkrieg in Berlin verbracht. Sie litt besonders unter dem Krieg zwischen Deutschland und Russland. In den Wirren der Revolution war die jüngste ihrer beiden Töchter in Moskau verhungert. Bereits damals galt die Zwetajewa als große Lyrikerin. Ilja Ehrenburg hatte dafür gesorgt, dass ihre neuesten Gedichte gedruckt und in den russischen Buchhandlungen angeboten wurden. So bereitete ihr das ‘russische Berlin’ um Nollendorfplatz und Prager Platz einen großartigen Empfang. Schnell fasste sie Fuß in dieser Szene,

Das Haus wurde im 2. Weltkrieg nur geringfügig beschädigt, sodass es auch heutigen Besuchern noch so erscheint wie vor fast 100 Jahren z.B. der Zwetajewa, Andrej Bely, Ilja Ehrenburg, Boris Pasternak, Vladimir Nabokov, kurz: der Prominenz des russischen Berlin.

Ilja Ehrenburg, eine der schillerndsten Figuren unter ihnen, beschrieb das Nachkriegs-Berlin als eine Stadt, die nach außen hin ein Stadtbild wie zu ‘Kaisers Zeiten’ bewahrte, hinter den Kulissen aber marode und arm war – ein krampfhafter Versuch, die Ordnung aufrecht zu erhalten. – Im Westen der Stadt, so seine Beobachtung, ging es ‘überpatriotisch’ zu, im Osten hingegen ‘internationalistisch’. Entsprechend zögen hin und wieder Gruppen aus dem Westen mit dem Deutschlandlied auf den Lippen in die östlichen Regionen der Stadt, während umgekehrt östliche Stadtbewohner mit der ‘Internationale’ den Westteil provozierten. – Beliebt waren Ehrenburgs Bücher bei der deutschen Linken. Viele der Werke landeten bei der NS-Bücherverbrennung 1933 in den Flammen.

Viktoria-Luise-Platz 1

Hier wurde im August 1923 Liane Berkowitz als Tochter des russischen Konzertmeisters Victor Wasiljew geboren. Die Wasiljews waren kurz vorher aus der Sowjetunion nach Berlin geflohen. Nach dem Tod des Vaters heiratete die Mutter Henry Berkowitz, der Liane adoptierte. Über die ‘Heilsche Abendschule’ (heute Silbermannschule) kam sie unter anderen in Kontakt mit Mildred Harnack, die dort Englischunterricht gab. Eine Verbindung zur ‘Roten Kapelle’ war hergestellt:

Mit solchen Aufklebern wandte sich die Rote Kapelle im Mai 1942 gegen die Ausstellung “Das Sowjetparadies” der Reichspropagandaleitung der NSDAP. Maßgeblich war Liane Berkowitz  daran beteiligt. Im August 1943 wurde sie in Plötzensee hingerichtet.

Viktoria-Luise-Platz 9

Im Jahr 1922 befand sich dort die Pension Crampe. In ihr fanden Unterkunft Nina Berberowa und WladislawChodassewitsch, ein Paar, das sich alsbald in der russischen Berliner Kulturszene bemerkbar machte. Sie als umschwärmte Schönheit und kluge Partnerin, er als offenbar hässlicher, aber ehrgeiziger und von Gorki protegierter Lyriker. Marina Zwetajewa, eine der erfolgreichsten russischen Lyrikerinnen der Zeit, nannte ihn hingegen in einem Brief “spitz-böse und mickrig-böse, (…) eine Wespe oder eine Lanzette, jedenfalls etwas insektenartig-medizinisches, ein Giftzwerg” (Urban, S 150).  Ein Beleg für die Lebhaftigkeit innerhalb der russischen Community dieser Jahre. 1931 trennte sich das Paar. Chodassewitsch starb im Juni 1939 in einer Klinik bei Paris, Nina Berberowa überstand die deutsche Besetzung Frankreichs, siedelte 1950 in die USA über, wo sie im Alter von 92 Jahren als erfolgreiche Professorin für russische Literatur im Jahr 1993 in Philadelphia starb. Ihre Tagebücher aus den 1920er Jahren sind bedeutende Quellen für die Geschichte des russischen Berlins.

Rüdesheimer-Straße 3

Hier fand vom Mai 1922 bis 1924 Emma Goldman Zuflucht. Geboren in Litauen, als Kind lange Jahre bei der deutschen Großmutter in Königsberg, war sie mit 17 Jahren in die USA ausgewandert. Als anarchistische Feministin und Pazifistin machte sich die ‘rote Emma’ bald einen Namen. 1919 wurde sie von den USA nach Russland ausgewiesen. Zum Bruch mit den Bolschewiken kam es, als diese unter Führung Trotzkis den Aufstand der Kronstädter Matrosen  blutig niedergeschlugen. Mit 67 Jahren schloss sie sich den anarchistischen Kämpfern im spanischen Bürgerkrieg an, arbeitete in deren internationalem Pressebüro in Barcelona.

Paulsborner-Straße 93

Wer kennt diesen Mann?, fragt Prof. Juchler und deutet auf die Abbildung eines bärtigen jungen Mannes mit wildem Haar, runder Brille und listig-frechem Gesichtsausdruck, lässig bekleidet mit einer praktischen Uniformjacke. – Mein Einwurf, das sei Fritz Teufel, wird sofort von einem aufmerksamen Zuhörer korrigiert. Kann ja auch wirklich nicht sein. Es handelte sich um Karl Radek,

Mitglied der polnischen Sozialdemokratie und der SPD, Begleiter Lenins im Eisenbahnwaggon von der Schweiz nach Petersburg. Zusammen mit Ernst Reuter war er als Abgesandter der Bolschewiki im Dezember 1918 zum Reichsrätekongress nach Berlin gekommen und in diesem Haus untergetaucht, in dem die Rote Fahne eine Wohnung unterhielt. Nach seiner Verhaftung war zu befürchten, es könne ihn ein ähnliches Schicksal ereilen wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Radek war ein besseres Los beschieden. Im Gefängnis Moabit hatte er u.a. prominenten Besuch von Walther Rathenau. Offenbar kündigte sich dessen Ostpolitik an, deren Ziel ein Ausgleich mit der Sowjetunion war, wie er im Rapallo-Vertrag von 1922 dann auch erfolgte. So wurde Radek 1920 mit allen Ehren aus der Haft entlassen.

Nestorstraße 22

Von 1932 bis 1937 hatte Vladimir Nabokov, der Dichter der ‘Lolita’, hier gewohnt. Eigentlich hatte er nicht vor, nach Berlin überzusiedeln. Der Mord an seinem Vater im Jahr 1922 hatte ihn dazu bewogen. Dieser war bei dem Versuch, einen Anschlag auf Miljukow zu verhindern, getötet worden. Miljukow hatte sich bei einer politischen Veranstaltung für eine konstitutionelle Monarchie in Russland eingesetzt. Glücklich soll Nabokov in Berlin nie gewesen sein, aber zumindest verliebte er sich, heiratete 1924 und blieb immerhin 15 Jahre in Berlin.

Westfälische Straße 33

Länger als Nabokov hielt es von den hier genannten russischen Menschen nur Vera Lourié in unserer Stadt aus. Als jüdisch-russische Emigrantin war sie Anfang der 1920er Jahre nach Berlin gekommen. Die junge Dichterin war bekannt mit den Größen der russischen Boheme und bewegte sich sicher in den entsprechenden literarischen Zirkeln. Sie weigerte sich, 1933 Deutschland, ihre Wahlheimat, zu verlassen, änderte ihren Namen vom jüdischen Lur ´e in Lourié und behauptete, sie habe hugenottische Vorfahren. Diese Frau überlebte die NS-Zeit in ihrer Altbauwohnung in Wilmersdorf, half den Hausbewohnern und schützte viele Frauen durch ihre Russischkenntnisse beim Einmarsch der Roten Armee. Nach 1990 vermietete sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1998 einen Teil ihrer Wohnung an russische Studenten.

Nach diesem versöhnlichen Ende unseres (Rund)-Gangs, viele hielten ihn für einen Marsch, zog es einige in das nächstgelegene Café am Ku’damm zu Kaffee und Kuchen. Ein Fußbad hatte das Etablissement leider nicht im Sortiment.