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Zwangsarbeit in Berlin - OstarbeiterInnen erinnern sich

Werkstattgespräch am 22. Januar 2018 um 19.00 Uhr im Laden der Berliner Geschichtswerkstatt e.V., Goltzstraße 49, 10781 Berlin

(Veranstaltungsbericht von Andreas Bräutigam, Berliner Geschichtswerkstatt e. V.)

 

Die Zahlen übersteigen unsere Vorstellungskraft: 500.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter an ca. 3.000 nachgewiesenen Adressen und Lagern allein in Berlin, 13,5 Mio in Deutschland und 20 Mio, wenn man die von Deutschland im 2. Weltkrieg besetzten Gebiete noch mit dazu nimmt. So viele Menschen haben die Nazis aus den von ihnen unterjochten Ländern rekrutiert und verschleppt, um den Zusammenbruch der Wirtschaft zu verhindern. Die eigene männliche Bevölkerung war ja in der deutschen Wehrmacht, um genau diese Unterjochung zu vollziehen.

Diese Zahlen nannte Dr. Cord Pagenstecher – seit 1994 Mitglied in der Projektgruppe Zwangsarbeit der Berliner Geschichtswerkstatt und heute als Historiker an der FU Berlin mit der Digitalisierung und Aufbereitung von Zwangsarbeiter-Interviews für Unterrichtszwecke beschäftigt – auf der vierten Veranstaltung unserer Reihe zur komplizierten Beziehung von Berlin und Russland seit der Oktoberrevolution. Mit vielen Fakten illustrierte er dem interessierten, 25-köpfigen Publikum die Dimension der mit der Zwangsarbeit verbundenen Ausgrenzung und Ausbeutung. 

Ca. 20 % aller Arbeitskräfte in Berlin waren Zwangsarbeiter: Zivile, Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und jüdische Berliner und Berlinerinnen im geschlossenen Arbeitseinsatz. „Fast jeder Berliner hatte Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter als Nachbarn oder Arbeitskollege“, so seine zusammenfassende Aussage. Begriffe wie „Fremdarbeiter“ oder „Ausländer“ waren die üblichen Bezeichnungen. Dabei wurde sehr wohl differenziert und es bildete sich in der deutschen Bevölkerung bei der Betrachtung der fremdländischen Menschen eine Hierarchie entsprechend des Wohlstandes in den Herkunftsländern heraus: Je ärmer das Herkunftsland als desto minderwertiger wurden die Menschen betrachtet. Hier fand sich die rassistische NS-Ideologie mit der abschätzigen Lesart in der deutschen Bevölkerung harmonisch zusammen und es kam mitunter zu Bevölkerungsprotesten, wenn Zwangsarbeiterlager in der Nachbarschaft eingerichtet wurden. Übliche Alltagsdiskriminierungen wie abgrenzende Reichsbahn-Dienstanweisungen zum Transport von Zwangsarbeitern in der S-Bahn, Prügel sowie abschätzige Beschreibungen von Fremdarbeiterinnen („Russenweiber“) im Stadtbild konnten mit Dokumenten und Interviewsequenzen aus der Zeitzeugen-App der Berliner Geschichtswerkstatt zur Zwangsarbeit illustriert werden. Auch diskriminierende amtliche Vorschriften und Erlasse waren üblich, wie zum Beispiel die verpflichtende Kennzeichnung „OST“ auf der Bekleidung der aus Osteuropa stammenden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Die Unterbringung erfolgte in der Regel in Lagern und anderen Stätten. Ein Blick ins Berliner Adressbuch der Jahre 1943/44 weist den Barackenbau als eine florierende Branche aus.

Während die deutsche Wehrmacht ihre sowjetischen Kriegsgefangenen anfangs in ihren Gefangenenlagern noch dem Hungertod überließ, kam später im Zuge des „Russeneinsatzes“ bis 1944 eine große Anzahl sowjetischer Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen nach Deutschland und auch nach Berlin. Ca. 50 % davon waren Frauen. Sie wurden für Arbeiten in der Rüstungsindustrie, bei städtischen Einrichtungen, Bezirksämtern, der BVG, der Stadtreinigung, Handwerksbetrieben und als Haushaltshilfen in Familien eingesetzt. Ohne deren Tätigkeit wären die Versorgung der Berliner Bevölkerung und die Funktionsfähigkeit der „Volksgemeinschaft“ wohl schon bald zusammengebrochen. Für die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter bedeutete das 12-stündige Arbeitsschichten und wenig Freizeit. Selbst in dieser leisteten sie noch Arbeit, etwa als Putzhilfe bei Privatpersonen.

Gleichwohl kam es in dieser kurzen  Freizeit auch zu Liebesbeziehungen unter den ausländischen Menschen verschiedener Nationalität, was sich für die sowjetischen Frauen später fatal auswirkte. Sie wurden nach der Befreiung durch die sowjetischen Behörden der Kollaboration bezichtigt, was sich als gefährlich für Leib und Leben herausstellte.

Obwohl es sich in der Regel um junge, kräftige Menschen zwischen 17 und 22 Jahren handelte, führte die langjährige schwere Arbeit, die Mangelernährung und unzureichende Hygiene in den Lagern und Unterbringungsstätten zu einem schnellen Verlust der Gesundheit, zu Tuberkulose-Erkrankungen und Tod. Sobald Erkrankungen die Arbeitsfähigkeit der Menschen beeinträchtigten, schickten die Betriebe die ihnen durch die Arbeitsämter zugewiesenen Fremdarbeiter retour, um nicht mit den Kosten für Behandlung, Genesung oder Bestattung belastet zu werden. Die erkrankten Menschen wurden dann in spezielle Krankenlager verfrachtet. Bekannt sind das Durchgangs- und Sterbelager Blankenfelde im Norden und das Ausländerkrankenhaus Mahlow im Süden von Berlin. Im Lager Blankenfelde starben auf diese Weise 400, im Lager Mahlow 1.500 sowjetische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen.

Auch der nach Deutschland zurückkommende Bombenkrieg forderte nicht nur deutsche Opfer. Allein in Berlin geht man von ca. 30.000 Bombentoten aus, von denen geschätzt etwa ein Fünftel ausländische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen waren.

Fluchten von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern waren wohl ein Massenphänomen und endeten für die wiedergefassten Personen in noch restriktiver geführten Arbeitserziehungslagern. Auch ihre Hinrichtung für Bagatellen wie den Diebstahl von ein paar Kohlrüben waren üblich, wie ein entsprechender Erschießungsbericht aus dem Reichbahnlager Halensee – dieses befand sich auf dem Gelände der heutigen ATU-Filiale an der Halenseestraße in Wilmersdorf – illustriert.

Die von den Nazis während des Krieges erzwungene Arbeitsleistung und sonstige Behandlung von sowjetischen Bürgern in Berlin und Deutschland ist sicher eine Hypothek und verständliche Ursache für eine als kompliziert empfundene Beziehung zwischen den beiden Nationen.

Die durch das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Schöneweide geplante Erstellung eines Gedenkbuches für die in Berlin während des Krieges und der NS-Zwangsarbeit gestorbenen Ausländer steht noch aus.