Vor 75 Jahren: Drei Ostarbeiter in Halensee erschossen

02.04.2017 16:07

Im Reichsbahnlager Halensee wurden am 4. April 1942, dem Ostersamstag, drei junge Zwangsarbeiter aus Charkow erschossen, weil sie ein paar Kartoffeln geklaut hatten.

Ein Beamter aus dem Auswärtigen Amt berichtet im August 1943[1]:

 

Infolge vollkommen unausreichender Ernährung entwendeten am 1. Oktoberfeiertag [gemeint ist 1. Osterfeiertag 1942] 3 Mann, die halb im freien lagernden Kohlrüben und Kartoffeln, zwecks eigener Ernährung. Einer wurde dabei gefaßt. Der Vorfall wurde sofort der Lagerpolizei gemeldet. Um die Mittagsstunde wurde die gesamte Ostarbeiterschaft zum Antreten befohlen. Die übrigen zwei Täter sollten sich melden und taten es auch nach kurzem Zögern. Daraufhin wurde die befohlene Erschießungsstrafe vorgelesen. Die drei Arbeiter mußten das ihnen zur Verfügung gestellte Eigentum, Töpfe, Decken öffentlich abliefern.

Darauf wurden von den an der Erschießung beteiligten Lagerschutzmännern die Waffen vor den angetretenen Arbeitern geladen und die drei Angeklagten hinter die Baracke geführt, um den Vorgang der Sicht von der Straße zu entziehen. Es wurde den drei Verurteilten befohlen, entlang der Baracke zu laufen. Sie weigerten sich und wurden auf der Stelle erschossen. Die übrigen Ostarbeiter mußten auf Anordnung an den Erschossenen vorbeigehen und diese sich ansehen. Wer sich weigerte, wurde mit Gummiknüppeln verprügelt.

Bei der Erschießung erhielt einer der Angeklagten nur eine Halswunde und schleppte sich zu seiner Baracke, wo er sich unter seinem Bett zu verstecken suchte. Er wurde jedoch geprügelt und an den Beinen herausgeschleppt und durch mehrere Schüsse und Kolbenhiebe getötet.

Die Kleidung der Erschossenen lag noch zwei Tage lang mit Blut besudelt im Innern des Lagers.

Die Namen der Erschossenen: Wassili Gurjew aus Charkow, Dimitrij Waschtschenko, Wassili Schewjakin aus Charkow geb. 1921.

 

Die Erschossenen wurden auf dem speziell für Zwangsarbeiter genutzten Parkfriedhof Marzahn begraben. Laut Kriegsgräberdatenbank des Berliner Senats wurden hier drei “Ostarbeiter” aus Charkow beerdigt, die am 4. April 1942 im Lager Halensee verstorben waren: Viktor Britow, Wasili Schawikin und Wasili Gubsky, alle etwa 20 Jahre alt. Sie waren nicht die einzigen Erschossenen aus dem Lager Halensee: Der in dem Bericht genannte Dimitri Wastschenkoff starb am 12. August 1942, “Todesursache Bauchschuß”.

 

Im Zweiten Weltkrieg baute das nationalsozialistische Deutschland die Rüstungsindustrie massiv aus und verschleppte dafür Millionen von Menschen zunächst aus Polen, dann aus allen besetzten Gebieten ins Reich. Nach der gescheiterten Eroberung Moskaus begann im Jahr 1942 der massenhafte Einsatz von sowjetischen Zwangsarbeitern. Die Ostarbeiter-Erlasse vom 20. Februar 1942 unterwarfen die rassistisch und ideologisch angefeindeten Zwangsarbeiter aus der Ukraine, Russland und Belarus einer besonderen Diskriminierung. In den überfüllten und verlausten Barackenlagern herrschten Hunger, Krankheiten und Gewalt, so auch im Reichsbahnlager an der heutigen Autobahnauffahrt Halensee.

 

Allein in Berlin mussten schließlich rund 100 000 sogenannte “Ostarbeiter” für Betriebe, Dienststellen, Einrichtungen und Privathaushalte arbeiten. Einer der größten Profiteure der Zwangsarbeit war die Reichsbahndirektion Berlin, die Zwangsarbeiter im Gleisbau, in den Reichsbahnausbesserungswerken und in der Gepäckabfertigung zahlreicher Bahnhöfe einsetzte. Darunter waren auch die drei jungen Männer aus dem ukrainischen Charkow, die für ihren kleinen Hunger-Diebstahl getötet wurden.



[1] Gotthold Starke, Aufzeichnungen über die Lage der Ostarbeiter in Deutschland, 16.8.1943, abgedr. in Pagenstecher, Cord/Bremberger, Bernhard/Wenzel, Gisela, Zwangsarbeit in Berlin. Archirechercherchen, Nachweissuche und Entschädigung, Berlin: Metropol 2008, S. 214-231, 224.

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