Nachruf für Wanda Zatryb, geb. Metze (1927-2012)

07.05.2012 10:24

tl_files/bgw/verein/Wanda Zatryb.JPGAm 26. März 2012 ist unsere Freundin Wanda Zatryb im Alter von fast 85 Jahren in Warschau gestorben. Sie war eine der wichtigsten Zeitzeuginnen unseres Kleinmachnow-Projekts, das sie mit Engagement und Tatkraft unterstützt hat. Für uns bedeutete sie aber viel, viel mehr. Beeindruckt hat sie uns durch ihre Souveränität, stetige Hilfsbereitschaft, ungezwungene Gastfreundschaft. Und nicht zuletzt durch die große menschliche Wärme, die sie ausstrahlte.

Dabei war ihr Leben alles andere als leicht. 

Als sie vier Jahre alt war, starb ihre Mutter bei der Geburt einer zweiten Tochter. Eine Schwester des Vaters zog die beiden Mädchen groß. Nach dem Kriegsbeginn war ihr Leben voller Entbehrungen und schwierig, denn der Vater, ein Offizier des polnischen Heeres, wurde zunächst in Rumänien und dann in einem deutschen Kriegsgefangenenlager interniert.

Die 16-jährige Wanda Metze erlebte den deutschen Besatzungsterror in Warschau und den Beginn des Warschauer Aufstandes, den sie begeistert begrüßte. Doch bereits am 6. August wurde das Haus, in dem sie wohnte, von deutsch-ukrainischen Truppen gestürmt. Nur mit viel Glück entging sie den Vergewaltigungen und Morden, die an der Tagesordnung waren. Nach einer Selektion in einem Sammellager bei Warschau wurde sie für den Transport nach Deutschland ausgewählt – sie war unter vielen Fremden völlig allein, als sie zunächst in das Konzentrationslager Ravensbrück verbracht wurde und von dort nach Kleinmachnow in ein KZ-Außenlager auf dem Gelände einer Tarnfabrik von Bosch.

 

tl_files/bgw/verein/Puppe_1[1].JPGDiese Puppe hat Wanda Zatryb viele Jahre nach dem Krieg für ihre Lagerfreundin Maria Zarębska angefertigt. „In Kleinmachnow haben wir alle einen Beutel bekommen. Darin haben wir alles aufbewahrt, was wir besessen haben: Zahnbürste, Zahnpasta, Kamm und Brot. Der Mensch war eine Nummer mit einem Beutel.“

Im Frühjahr 1945 wurde das KZ-Außenlager Kleinmachnow aufgelöst, die etwa 800 weiblichen Häftlinge wurden in das Stammlager Sachsenhausen verbracht und von dort auf den Todesmarsch getrieben. Mit einigen anderen Kameradinnen wurde Wanda Metze am 2. Mai 1945 von amerikanischen Truppen im KZ Wöbbelin bei Ludwigslust befreit.

 

Sie kehrte nach Polen zurück. Ein Jahr lang war sie sehr schwer krank; ihre Ausbildung konnte sie nicht fortsetzen. Sie schloss nur das Gymnasium ab, dann heiratete sie und bekam zwei Söhne. „Meine Möglichkeiten habe ich nicht ausnutzen können, mein Leben wäre ganz anders verlaufen, wenn es diese Kriegserlebnisse nicht gegeben hätte“, hat sie einmal ihr Leben zusammengefasst.

 

Aber verbittert war Wanda Zatryb nicht. Schon bei der ersten Begegnung waren wir von ihrer Freundlichkeit und Offenheit sehr eingenommen. Das war im April 2000 in Sachsenhausen bei den Feierlichkeiten zum 55. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers. Wanda hat uns daraufhin geholfen, weitere Überlebende des KZ-Außenlagers Kleinmachnow zu finden und ein erstes Zeitzeuginnentreffen organisiert. Auch bei unseren Recherchen über den Warschauer Aufstand hat sie uns sehr geholfen.

 

Obwohl ihr in den letzten Jahren Krankheiten und das Alter zusetzten, wusste sie stets ihren Optimismus und Lebensmut zu bewahren. Ihre lebendige Persönlichkeit blieb ungebrochen – so werden wir sie in Erinnerung behalten. Wir nehmen in Dankbarkeit und Verehrung Abschied von ihr.

 

Zurück