Mi, 6.4.: Werkstattgespräch Heimerziehung

05.03.2011 07:49

Heimerziehung - Geschichte von unten

Die Heimerziehung war ein gewichtiges Element der bundesdeutschen Sozial- und Alltagsgeschichte: Rund 700.000 bis 800.000 Kinder wuchsen in den 1950er bis 1970er Jahren in deutschen Kinderheimen auf. Zehntausende von ihnen wurden Opfer körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt.

Gewalt in Kinder- und Jugendheimen gab es auch in Berlin. Erste Ergebnisse über die Verhältnisse auf lokalgeschichtlicher Ebene bietet eine Untersuchung über Heime für nichtbehinderte Kinder und Jugendliche des Evangelischen Johannesstifts in Spandau. Es steht zu vermuten und lokalgeschichtlich zu untersuchen, ob es solche - oder gegenlautende - Beispiele auch in anderen Berliner Einrichtungen gab.
Die Kritik der Achtundsechziger (z. B. Ulrike Meinhof, "Bambule", 1970) und eine Abkehr von autoritären Erziehungsmuster bewirkten allmählich einen Wandel in den Heimen, ohne dass die Opfer eine Entschädigung oder Entschuldigung erhalten hätten. Die Geschichte der bundesdeutschen Kinderheime und die mit der Heimerziehung häufig verbundenen Gewalttaten (Schläge, sexueller Missbrauch, Arbeitszwang, Demütigung etc.) geriet in Vergessenheit. Die Betroffenen blieben mit ihren oft traumatischen Erinnerungen alleine.
Erst in den letzten Jahren wurde die Öffentlichkeit wieder aufmerksam auf dieses lange verschwiegene Thema; ehemalige Heimkinder forderten Anerkennung und Entschädigung. 2009 richtete der Bundestag einen Runden Tisch Heimerziehung ein, dessen Anfang 2011 vorgelegte Vorschläge kontrovers diskutiert werden. Umfang und Ausgestaltung der vorgesehenen Entschädigung sind noch unklar. Verschiedene Initiativen versuchen, die Stimme der Betroffenen zu Gehör zu bringen.
Für die Berliner Geschichtswerkstatt ist die von Zeitzeugen unterstützte Erforschung der bundesdeutschen Heimerziehung im Sinn einer Geschichte von unten ein ebenso spannendes Thema wie die jahrzehntelange Verdrängung und der Streit um Erinnerung und Entschädigung als geschichtspolitische Kontroverse.

 

Mittwoch, 6. April 2011
19.00 in der Berliner Geschichtswerkstatt


Gäste:
Daniela Gerstner, Prof. Dr. Manfred Kappeler, Manuel Koesters.
Helmut Bräutigam, Evangelisches Johannesstift.

Moderation:
Dr. Cord Pagenstecher , Berliner Geschichtswerkstatt

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