Arbeitserziehungslager Fehrbellin

Der Ort Fehrbellin liegt 50 km nordwestlich von Berlin. Das Arbeitserziehungslager (AEL) Fehrbellin war - neben dem KZ Ravensbrück - das zentrale Frauenstraflager der Reichshauptstadt; insbesondere diente es der Disziplinierung der in Berlin eingesetzten Zwangsarbeiterinnen. Heute stehen nur noch die wuchtigen Gebäude der Bastfaserfabrik, in der die Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten. Zeitzeugen-Erinnerungen und Archivrecherchen der Berliner Geschichtswerkstatt führten ab dem Jahr 2000 zu einigen Veranstaltungen und Publikationen.

Der Ort Fehrbellin

Das Gelände des Arbeitserziehungslagers, 2004
Das Gelände des Arbeitserziehungslagers, 2004

Fehrbellin liegt 50 km nordwestlich von Berlin an der Autobahn nach Hamburg; es ist bekannt durch die Schlacht von 1675, an die viele Denkmäler und Straßennamen erinnern, z. B. der Fehrbelliner Platz in Berlin. Fast nichts erinnert im Ort dagegen an das einstige Arbeitserziehungslager.

Das ehemalige Lagergelände ist heute ein Abstellplatz für landwirtschaftliche Geräte und Heuballen. Auf dem Areal stand jahrelang noch eine ruinöse Holzbaracke, die aber Anfang 2004 abgerissen wurden. Es gibt keine Gedenktafel. Erhalten ist - außer verschiedenen Fundamenten - noch eine Steinbaracke, die vermutlich einst von den Wachmannschaften genutzt wurde. 

Knapp 500 Meter hinter dem Lagergelände erheben sich die wuchtigen Backstein-Gebäude der Bastfaserfabrik, in der die Häftlinge Zwangsarbeit leisteten. Nach dem Krieg produzierte die Fabrik als VEB Märkische Bastfaser weiter. Seit der Schließung im Jahr 1990 stehen die Gebäude großenteils leer. Der im Rahmen der Sanierung des Gebiets begonnene Abbruch der alten Bastfaserfabrik stockt derzeit.

Die Bastfaserfabrik Fehrbellin

Die ehemalige Bastfaserfabrik Fehrbellin, 2000
Die ehemalige Bastfaserfabrik Fehrbellin, 2000

1935 entstand in Wuppertal die Bastfaser GmbH. Im Zuge der nationalsozialistischen Autarkiepolitik wurde die Hanf- und Flachsproduktion wieder entdeckt. Nach der Gründung des Hanfwerks Rhinow / Mark im Jahr 1937 wurde der Firmensitz 1940 nach Fehrbellin verlegt, da hier das wichtigste Anbaugebiet lag.

Die Firmenverlagerung ins dünn besiedelte Brandenburg machte vor allem die Beschaffung von Arbeitskräften zum Problem. Daher setzte das Unternehmen neu angesiedelte Volksdeutsche, Kriegsgefangene und laufend rund 200 - 300 zivile Zwangsarbeiter ein. 1942 wurde das bei der Schwesterfabrik in Rhinow bestehende AEL nach Fehrbellin verlegt.

Im Mai 1942 wurde das bei der Schwesterfabrik Rhinow bestehende Arbeitserziehungslager nach Fehrbellin verlagert. Am 28. Mai 1942 trafen die ersten 50 weiblichen Häftlinge aus Rhinow ein. Am 5. Juni 1942 begann der "Verstärkte Einsatz der Häftlinge des A.E.L.", vor allem zu Außenarbeiten sowie zur Flachs- und Hanfentholzung.

Das Gestapo-Lager Fehrbellin

Stempel des Arbeitserziehungslagers Fehrbellin
Stempel des Arbeitserziehungslagers Fehrbellin

Bis April 1945 waren kontinuierlich zwischen 300 und 600 "Häftlinge" oder "AEL-Mädels" (Firmenakten) im Einsatz. Bei einer vermuteten durchschnittlichen Haftdauer von 56 Tagen dürften rund 8000 Frauen durch das Lager gegangen sein. Das AEL Fehrbellin war - neben dem KZ Ravensbrück - das zentrale Frauenstraflager der Reichshauptstadt; insbesondere diente es der Disziplinierung der in Berlin eingesetzten Zwangsarbeiterinnen. Die bereits durch Zwangsarbeit, Hunger und Bombenangriffe geschwächten Mädchen und Frauen waren in Fehrbellin KZ-gleichen Bedingungen ausgesetzt: Zur unzureichenden Bekleidung, dem Hunger und der harten Arbeit kamen stundenlange Appelle und sadistische Strafen.

 

Arbeitserziehungslager waren 'Kurzzeit-KZs': Die Haftdauer war auf 8 Wochen bis 3 Monaten begrenzt, damit die Häftlinge bald wieder am Arbeitsplatz zur Verfügung standen. Sie unterstanden der Gestapo, Fehrbellin der Stapostelle Potsdam. Die meisten Gefangenen waren ausländische Zwangsarbeiterinnen aus dem Berliner Raum, die Fluchtversuche unternommen hatten oder der Widersetzlichkeit, der 'Bummelei' oder Sabotage beschuldigt worden waren. Es gab Französinnen, Russinnen, Polinnen, Deutsche und andere Nationalitäten. Die Einweisung erfolgte ohne Gerichtsverfahren und ohne Bekanntgabe der Haftdauer.

Erinnern an Fehrbellin

Erinnerungsskizze von Maria Andrzejewska, 2000
Erinnerungsskizze von Maria Andrzejewska, 2000

Die Zeitzeuginnen schildern die rasch fluktuierende Lagergesellschaft in ihren Erinnerungsberichten für die Berliner Geschichtswerkstatt als anonymen, sprachlosen Schrecken ohne die Möglichkeit von Gruppenbildung und Solidarität. Daher blieben die ehemaligen Häftlinge auch in der Nachkriegszeit mit ihrer Erinnerung alleine. Als weibliche, überwiegend ausländische und überwiegend unpolitische Häftlinge fanden die Opfer von Fehrbellin wenig Raum in der öffentlichen Erinnerung, weder in Ost- oder Westdeutschland noch im Ausland.

Mehrere an die Geschichtswerkstatt adressierte Erinnerungsberichte ehemaliger Zwangsarbeiterinnen erwähnten das in Forschung und Öffentlichkeit bis dahin weitgehend unbekannte Arbeitserziehungslager Fehrbellin. Daraufhin begann im Jahr 2000 eine Projektgruppe der Berliner Geschichtswerkstatt (Anne Barth, Daniela Geppert, Gabriele Layer-Jung, Cord Pagenstecher, Gisela Wenzel) mit Recherchen in Archiven und vor Ort.

Begegnungen und Veranstaltungen

Zeitzeugin Maria Andrzejewska in der Schule Fehrbellin, 2000
Zeitzeugin Maria Andrzejewska in der Schule Fehrbellin, 2000

Die Berliner Geschichtswerkstatt hat im November 2000 einen Besuch einer ehemaligen Insassin des AELs in Fehrbellin organisiert. Auf Einladung der Gemeinde fanden unter anderem Begegnungen mit SchülerInnen und EinwohnerInnen statt; die Lokalzeitung berichtete wiederholt.

Anfang 2004 veranstalteten die DGB-Jugendbildungsstätte Flecken Zechlin und die Berliner Geschichtswerkstatt einen Rundgang mit 14 Jugendlichen und VertreterInnen aus der Gemeinde mit einer anschließenden Diskussion im Rathaus.

2004 stellte die Berliner Geschichtswerkstatt ihr Buch "Arbeitserziehungslager Fehrbellin. Zwangsarbeiterinnen im Straflager der Gestapo" in der Stadtbibliothek Fehrbellin sowie bei der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung vor.

2010 macht die Landjugend Fehrbellin ein Jugendprojekt; am OdF-Platz im Ortszentrum wurde eine Gedenktafel angebracht.

Publikationen

Berliner Geschichtswerkstatt (Hg.): Arbeitserziehungslager Fehrbellin, Potsdam 2004
Berliner Geschichtswerkstatt (Hg.): Arbeitserziehungslager Fehrbellin, Potsdam 2004

Berliner Geschichtswerkstatt (Hg.): Arbeitserziehungslager Fehrbellin. Zwangsarbeiterinnen im Straflager der Gestapo (Brandenburgische Historische Hefte der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung, 17), Potsdam 2004, Download: http://www.politische-bildung-brandenburg.de/publikationen/pdf/fehrbellin.pdf

 

Abstract:
Dieses von der Berliner Geschichtswerkstatt und der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung herausgegebene Buch stellt einen bislang weitgehend unbeachteten Ort nationalsozialistischen Terrors vor: In der brandenburgischen Kleinstadt Fehrbellin lag das erste speziell für Frauen eingerichtete Arbeitserziehungslager (AEL). Es war - nach dem KZ Ravensbrück - das größte Straflager für Frauen im Raum Berlin-Brandenburg.
Die Rekonstruktion der Geschichte des von der Gestapostelle Potsdam betriebenen Straflagers in Fehrbellin stützt sich vor allem auf Firmenakten und auf ausführliche Zeitzeuginnen-Erinnerungen. Eingebettet wird diese Lokalstudie in übergreifende Beiträge zum System nationalsozialistischer Zwangsarbeit und Verfolgung sowie zur Frage nach der individuellen und kollektiven (Nicht-)Erinnerung.

Aufsätze:

Cord Pagenstecher, AEL Fehrbellin. Ein Frauen-Straflager für Berliner Zwangsarbeiterinnen, in: Moller, Sabine / Rürup, Miriam / Trouvé, Christel (Hrsg.), Abgeschlossene Kapitel? Zur Geschichte der Konzentrationslager und der NS-Prozesse (Studien zum Nationalsozialismus in der edition diskord, Band 5), Tübingen 2002, S. 28-45

Cord Pagenstecher, Arbeitserziehungslager, in: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 9: Arbeitserziehungslager, Ghettos, Jungendschutzlager, Polizeihaftlager, Sonderlager, Zigeunerlager, Zwangsarbeitslager, hrsg. v. Wolfgang Benz und Barbara Distel, Redaktion Angelika Königseder, München: C.H.Beck, 2009, S. 75-99