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Zwischen Deutschland und der Sowjetunion

Von der Liebe zur Sowjetunion und vom Masochismus deutscher Kommunisten am Beispiel des Schöneberger Kneipenwirts Emil Karl Wilhelm Potratz

Werkstattgespräch am 11. Dezember 2017 um 19.00 Uhr im Laden der Berliner Geschichtswerkstatt e.V., Goltzstraße 49, 10781 Berlin

 

(Veranstaltungsbericht von Peter Lassau, Berliner Geschichtswerkstatt e. V.)

 

Ein leichtes Leben hatte dieser Mann wirklich nicht. Aber weder der Terror der Nationalsozialisten noch Stalins Zwangsarbeitslager konnten seine Prinzipienfestigkeit, sein Stehvermögen und seine Treue zur KPD erschüttern: Anlass für eine engagierte, nachdenkliche Diskussion der ca. 30 Besucher an diesem Abend.

Unser Mitglied Dr. Andreas Bräutigam veranschaulichte dem Publikum kenntnisreich und mit Empathie die verschlungenen Lebenswege eines deutschen Kommunisten der ersten Stunde.

Aufgewachsen als eines von 6 Kindern einer Landarbeiterfamilie in einem kleinen Dorf östlich des Stettiner Haffs, erlernte Emil Potratz das Metallarbeiterhandwerk in einer Gießerei in Stettin. 1906, im Alter von 18 Jahren, trat er dem Metallarbeiterverband bei, arbeitete nach einer 4jährigen Wanderschaft durch Mitteldeutschland, Westfalen und das Rheinland (sicher im wahrsten Sinn eine Erweiterung des Horizonts) von 1910 an als Former in Berliner Eisengießereien. 1910 tritt er in die SPD ein, beteiligt sich 1914 an Antikriegsdemonstrationen, wird verhaftet und für zwei Wochen in Haft genommen. Das hat immerhin den Vorteil, dass er als vaterlandslos gilt und nicht Frontsoldat werden darf, sondern „nur“ von 1915 an Armierungssoldat, wie andere Leute auch, z.B. Carl v. Ossietzky, Kurt Tucholsky, Rudolf Breitscheid, Karl Liebknecht.

„Aus dem Felde heraus“, wie er schreibt, schließt er sich 1917 der USPD an. 1918 wieder in Berlin, arbeitet er als Former bei der Firma Keiling & Thomas, wird Vertrauensmann und Betriebsratsmitglied, beteiligt sich aktiv an der Novemberrevolution, z.B. bei der Erstürmung der „Maikäferkaserne“ in der Chausseestraße, mobilisiert die Belegschaft und folgt den Anweisungen der Arbeiter- und Soldatenräte. Konsequent geht er diesen Weg weiter mit dem Eintritt in die KPD, sobald diese 1921 die politische Bühne betritt. Er ist Mitbegründer der „proletarischen Hundertschaften“ und später als Kameradschaftsführer aktiv im Rotfrontkämpferbund.

1922 kauft er zusammen mit seinem Schwiegervater ein bürgerliches Lokal in der Sedanstraße 53 (heute Leberstraße 65) in Schöneberg. Das erhält bald den Namen „Zur Roten Insel“ und wird Zentrum und Stützpunkt namhafter proletarischer Organisationen wie dem Rotfrontkämpferbund, der KPD, der Roten Hilfe, des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschland. Hier werden Flugblätter und Aufrufe gedruckt, hier wird beraten, diskutiert und sicher auch getrunken. (Dass es auch Namensgeber für eine der erfolgreichsten Publikationen der Berliner Geschichtswerkstatt e.V. werden würde, ahnte am Ende der 20er – Jahre des letzten Jahrhunderts wahrscheinlich keiner der Akteure.)

Nicht verwunderlich, dass ein solches Lokal Angriffsziel für die SA wurde. Dreimal wurde es zwischen 1929 und 1931 von SA - Gruppen überfallen. Dreimal holten sich die Nazis offenbar blutige Nasen trotz ihrer starken Bewaffnung. Zumindest der vom 10. September 1929 ist in verschiedenen Zeitungen und in einem Ermittlungsbericht der Polizei dokumentiert. „Waffenfund bei Hakenkreuzlern“ titelte der sozialdemokratisch ausgerichtete „Abend“ am 11. September 1929.

Einer wie Potratz lässt sich von all dem nicht einschüchtern. Er ist polizeibekannt, nimmt auch an verbotenen Demonstrationen teil, wird 1932 bei einer Erwerbslosendemonstration auf dem Kaiser – Wilhelm – Platz besinnungslos geschlagen und dann zu 4 Monaten  Gefängnis verurteilt. Er verliert seine Gaststättenkonzession, sein Lokal wird von der Polizei geschlossen. Schöneberg sieht er danach nicht mehr. Nach der Haft, angesichts der NS – Machtergreifung taucht er unter und emigriert auf Weisung der Partei im Juli 1933 in die Sowjetunion. Im ‚gelobten Land‘ arbeitet er von August an in seinem Beruf als Former in einer Maschinenfabrik im Donbass, wird schnell Brigadier, später Meister. In Betrieben kann er über die Zustände in Deutschland berichten, ist voller Enthusiasmus. Als im November auch noch seine Frau und sein Sohn nachkommen, scheint alles gut zu werden.

Die Wende kommt im November 1936 im Rahmen von Stalins „Moskauer Schauprozessen“. Bei einer Urlaubsfahrt nach Moskau wird Emil Potratz auf der Straße verhaftet. Anlass ist wachsendes Misstrauen der stalinistischen Führung gegenüber allen, insbesondere auch gegenüber deutschen Immigranten. Schließlich könnten sich darunter Gestapo-Spitzel, Trotzkisten oder überhaupt „sowjetfeindliche Elemente“ befinden. Schwierig, da nicht in Verdacht zu geraten. Alfred Kuhnt, ein KPD-Genosse, saß auf der Anklagebank als Trotzkigehilfe, und er war bekannt mit Emil Potratz. Grund genug, diesen in die Mangel zu nehmen. Er wird verhört, immer von einer Dreiergruppe, einer Troika, Spionage wird ihm vorgeworfen. Das dauert. Kein Wunder, dass seine Frau nervös wird, Angst hat. Sie und ihr Kind  leiden jämmerlich an Hunger, der Mann scheint verschwunden zu sein. Sie nimmt Kontakt auf zur Deutschen Botschaft, will zurück nach Berlin. -  Für Emil Potratz endet diese Episode in sibirischen Zwangsarbeiterlagern. Dort bleibt er, bis der Hitler/Stalin – Pakt und der damit einhergehende Auslieferungsvertrag bezüglich geflohener Kommunisten ihm im April oder Mai 1941 eine Auslieferung nach Deutschland ‚beschert‘. In den Fängen der Gestapo geht es über Brest-Litowsk oder Minsk nach Berlin. Nach 6 Wochen Gestapo-Haft wird er entlassen und unter Polizeiaufsicht gestellt, arbeitet wieder als Former in einer Leichtmetallgießerei. –

Auffällig ist, dass er als Kommunist abweichend von den üblichen NS-Verfahren nicht in einem KZ landet. Offenbar schwankt die Gestapo zwischen Bedrohung und Neugier gegenüber diesem Kandidaten. Man könnte sein Geschick ja auch zu Propagandazwecken gegen die Sowjetunion verwenden. In die nationalsozialistische „Arbeitsfront“ jedenfalls will Emil Potratz nicht eintreten, kommt aber insgesamt relativ glimpflich davon.

Aufgrund seiner Russischkenntnisse findet Potratz nach Kriegsende schnellen Kontakt zur Roten Armee und zu den sowjetischen Verwaltungsorganen. Er macht sich nützlich bei Absprachen der Finanzverwaltung zwischen Armee und deutschen Stellen, will wieder in die KPD und – so muss man es wohl verstehen – zurück in seine politische Heimat.

Also stellt er einen Aufnahmeantrag für die im Juni 1945 neu entstehende KPD unter Beifügung eines Lebenslaufs, der so zu einer wichtigen historischen Quelle geworden ist. Seinen Platz in der SBZ und später in der DDR findet er problemlos als Maschinist im Finanzministerium.

Aber Emil Potratz will auch als „Opfer des Faschismus“ anerkannt werden und stellt im Juli 1948 einen entsprechenden Antrag beim Magistrat von Groß-Berlin. Dieser wird im Mai 1949 abschlägig beschieden. Potratz legt Beschwerde ein und erhält im August 1949 eine erneute Ablehnung, die als endgültiger Bescheid deklariert wird. Interessant die Begründung:

  • Er habe Saufgelage organisiert und Kontakte zu den „schlimmsten Elementen“ unterhalten.

  • Seine Frau habe nach Deutschland geschrieben, dass es Hunger gäbe und dass sie zurück nach Deutschland wolle.

Alkoholgenuss unter Strafe zu stellen, ist nicht gerade typisch für die russisch/sowjetische Kultur – wie auch immer: Diese Begründung trägt die Handschrift des stalinistischen Geheimdienstes. Für Emil Potratz zweifelsohne eine erneute schmerzhafte Demütigung.

Bergauf geht es für Emil Potratz erst wieder nach dem XX. Parteitag der KPDSU im Jahr 1956. Erneut stellt er unter Bezugnahme auf diesen „Entstalinisierungsparteitag“ einen Antrag auf Anerkennung als VDN (Verfolgter des Naziregimes) und siehe da: 2 Tage nach Abgabe eines Fragebogens erhält er die Nachricht, das „Kollektiv“ habe beschlossen, ihn als VDN anzuerkennen. Einen Monat später, im August 1957, erhält er auch die entsprechende VDN-Rente.

Danach geht Emil Potratz‘ Leben sozusagen seinen ruhigen sozialistischen Gang im Schoße der DDR.  – Zuverlässig versieht er bis 1966 seinen Dienst als Maschinist am Zerreißwolf beim ZK der SED. 1962 erhält er die Verdienstmedaille der DDR und zu seinem 75. Geburtstag 1963 den „Vaterländischen Verdienstorden“ in Silber. 1973 stirbt er in Berlin-Köpenick.

Wie nicht anders zu erwarten drehte sich die nachfolgende Diskussion um die Frage, aus welchen Gründen ein Mensch so verbissen an dieser kommunistischen Partei und an der Sowjetunion festhalten konnte. Natürlich gibt es darauf  keine endgültige Antwort. Ein paar Anmerkungen dazu aus dem Publikum vom 11. Dezember 2017 seien aber noch angefügt:

  • Bei einer Idee zu bleiben und für sie zu kämpfen, ist ehrenhaft.

  • Die Lage für Menschen wie Emil Potratz glich einem Dilemma. Kapitalismus konnte/kann nicht die Alternative sein.

  • Natürlich gab es in der KPD Fraktionskämpfe, die z.T. brutal ausgefochten wurden.

  • Die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus wird erschwert durch ‚das große Schweigen‘. Schuldige wurden und werden oft gedeckt.

  • Der „Glaube“ an Kommunismus und Verheißung einer klassenlosen Gesellschaft hat religiöse Dimensionen. Wie Katholiken trotz Inquisition an ihrem Glauben festhalten, halten Kommunisten trotz Stalinismus an ihrer Idee fest.