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Berliner Studenten an Moskauer und Leningrader Hochschulen 1950-1990

 

Fürs Leben geprägt

 

Werkstattgespräch am 12. Februar 2018 um 19.00 Uhr im Laden der Berliner Geschichtswerkstatt e.V., Goltzstraße 49, 10781 Berlin

(Veranstaltungsbericht von Jürgen Karwelat, Berliner Geschichtswerkstatt e.V.)

 

Eines hatten die drei ehemaligen Studenten aus Ost- und Westberlin gemeinsam: Ihr Moskau- bzw. Leningradaufenthalt war für alle drei die entscheidende  Weichenstellung für ihren Lebensweg.. Christine Titel. gab an, dass ihr Aufenthalt für sie eine große Bereicherung gewesen sei. Die Kontakte von damals hielten bis heute, drei ihrer russischen Freundinnen hießen Lena, daher hat ihre Tochter ebenfalls diesen Namen bekommen. Eckard Matthes erklärte, dass der Aufenthalt sein gesamtes Berufsleben an der Universität geprägt habe. Ohne den Aufenthalt in Leningrad wäre sein Leben völlig anders verlaufen, der Kontakt nach Russland sei nie abgebrochen. Und bei Peter Jahn, dem Moderator des Abends, liegt es auf der Hand. Er war langjähriger Leiter des deutsch-russischen Museums in Karlshorst.

 

Am Abend hatten sich erneut etwa 35 Menschen eingefunden, um zu hören, wie Ost- und Westberliner Studenten und Studentinnen ihren Russlandaufenthalt gesehen und empfunden haben. Zu Gast waren Christine Titel, Biologin, die ab 1978 fünf Jahre in Moskau studierte, und Eckard Matthes, der zusammen mit Peter Jahn 1969/70 in Leningrad als „Aufbaustudent“ Literaturwissenschaften studierte. Die Gäste kamen damals aus einer geteilten Stadt und aus zwei politischen Systemen. Die beiden Westler galten als echte Exoten, war doch ein Studienaufenthalt eines Westberliners in Leningrad ähnlich ungewöhnlich wie eine Studienreise nach Papua-Neuguinea. Auf der anderen Seite wurden allein aus Ostberlin pro Jahr 50 Studenten in die Sowjetunion geschickt, aus der ganzen DDR etwa 300, so dass im Laufe der 40 Jahre DDR 10.000 bis 12.000 ostdeutsche Studierende  in der Sowjetunion studiert hatten. Ost-und Westberliner machten ähnliche Erfahrungen. So betonten sie die unvoreingenommene Herzlichkeit,  mit der sie begrüßt wurden, obwohl der Krieg, den Deutschland über die Sowjetunion gebracht hatte, gerade erst einmal 25 Jahre zurücklag, als Matthes und Jahn nach Leningrad kamen. Eckard Matthes hob besonders hervor, dass sie in einer Zeit des Umbruchs nach Russland gekommen seien. Ihr Studienbeginn war der 1. Oktober 1969.Wenige Wochen zuvor war in der Bundesrepublik Deutschland der Bundestag gewählt worden und am 21. Oktober 1969 wurde Willi Brandt erster sozialdemokratischer Bundeskanzler. Gut ein halbes Jahr später wurde der Moskauer Vertrag geschlossen, mit dem die Entspannungspolitik der neuen sozialliberalen Regierung begann.

 

Matthes und Jahn waren in Leningrad in einem Wohnheim mit anderen Stipendiaten untergebracht. Es gab Zweibett- und Vierbettzimmer. Es war eine Zeit der Politisierung. Im Sommer 1970 hatten auch die Studenten aus der Sowjetunion keine Angst, politische Themen anzusprechen. Matthes hob das kollegiale Verhältnis zu seinem russischen Mentor hervor, der Wert darauf legte, mit seinem Vornamen angesprochen zu werden und ihm riet, möglichst viel zu reisen, um das Land kennenzulernen. Die dazu nötigen Reiseanträge würde er alle unterzeichnen.  Das liberale Klima ging so weit, dass die Deutschen auf die Ereignisse in Kaliningrad, früher Königsberg, angesprochen wurden. Russische Intellektuelle kritisierten den Abriss des von den Deutschen errichteten Stadtschlosses und fragten die beiden deutschen Studenten nach ihrer Meinung zu dieser Kulturzerstörung im ehemaligen deutschen Osten.

Christine Titel war als Nachrückerin in das Vorbereitungsjahr nach Halle gekommen. Dort befand sich die „Arbeiter- und Bauernfakultät“, die auf den Studienaufenthalt vorbereiten sollte. Natürlich musste man gute Leistungen in seinem Fach bringen, allerdings auch einen „festen Klassenstandpunkt“ haben und „gesellschaftliche Arbeit“ nachweisen. Titel schaffte das, ohne Mitglied der SED zu sein. Sie kam nach Moskau, ohne eine  besondere Vorstellung vom Land zu haben, obwohl im Vorbereitungsjahr natürlich dieses optimistische Bild  vermittelt worden war: Die Sowjetunion ist auf dem Weg der Industriealisierung schon sehr weit gekommen, das weite Land wird erschlossen. Man ist schon auf dem Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus. Diese Vorstellungen entsprachen offenkundig aber nicht der Realität. In der Sowjetunion herrschte auch Armut. Für Christine Titel war dies ein gewisser Kulturschock, der aber durch die „russische Seele“ aufgefangen wurde, die die ärmlichen Lebensverhältnisse relativiert hat. Was sie verwunderte: Ihre russischen Mitstudenten und Mitstudentinnen waren unpolitisch. Heute führt sie das auf das allgemeine politische Klima der Stagnation am Ende der Breschnew-Ära zurück. Das politische System der Sowjetunion war zu diesem Zeitpunkt schon in der Krise, die 1990/91 zum Ende der Sowjetunion führte. Einen Unterschied zwischen den Ost- und Westberliner Studierenden schilderte Christine Titel noch: Die Studierenden aus der DDR hatten ihr politisches System von zu Hause mitgebracht. Es gab regelmäßige Treffen, die von der FDJ organisiert waren. Diese Treffen dienten der ideologisch korrekten Ausrichtung der Auslandsstudierenden. Sinnlos vertane Zeit, meinte sie.

 

Recht bald gab es an diesem Werkstattabend engagierte Beiträge aus dem Publikum. Eine Reihe der Erschienenen gab sich als ehemalige Berliner Studenten in der Sowjetunion zu erkennen. Die politische Zurückhaltung der sowjetischen Mitstudenten wurde zum Teil damit erklärt, dass sich in praktisch jeder Studentengruppe auch Zuträger zum Geheimdienst befanden. Der Tenor der Beiträge aus dem Publikum war dagegen insgesamt positiv. Zum Teil wurde hervorgehoben, dass es etwas ganz Besonderes war, an einer Moskauer Universität zu studieren, wo Nobelpreisträger lehrten, mit denen man unkompliziert Kontakt aufnehmen konnte. Das hatte den Charakter von Weltläufigkeit. Christine Titel lobte die sehr solide Ausbildung, bei der aber ein strikter Plan einzuhalten war, was einen „Acht-Stunden-Tag“ bedeutete. Trotzdem war aber noch genug Zeit, um andere Menschen kennenzulernen, in die Oper oder ins Kino zu gehen. Viele unternahmen  sogar Reisen, z.B. in den Kaukasus, ohne sich an die Regeln zu halten, nämlich die dafür notwendigen  Genehmigungen einzuholen. Ein ehemaliger Student aus dem Publikum schilderte sein herzliches Verhältnis zu den russischen Gastgebern. Während seines Aufenthalts seien ihm die Menschen ohne Vorurteile begegnet. Er habe während seiner Studienzeit in Moskau eine Ersatzmutter gehabt, die als Übersetzerin bei den Nürnberger Prozessen gearbeitet habe. Trotz dieses beim Prozess erworbenen Wissens um die Verbrechen der Deutschen habe sie alles geliebt, was deutsch sei.  Das Essen bei ihr sei wunderbar gewesen. Ein anderer Gast aus dem Publikum zitierte den bekannten Satz aus Russland „Wir lieben die Deutschen und hassen die Faschisten“.

 

Was bleibt als Fazit dieses Abends? Die kollektive Erinnerung an die Verbindung von Berlin nach Russland ist natürlich bei den Ostberlinern allein aufgrund der Zahl der in Russland Studierenden weitaus größer als bei den Westberlinern. Die Erinnerungen sind bei vielen noch sehr präsent und die Erfahrungen haben vielfach das gesamte Leben geprägt.

 

Und schließlich: Neben dem Offiziellen hat es immer eine besondere Beziehung unter den Menschen im Alltagsleben gegeben. Die Deutschen waren von der „russischen Seele“  beeindruckt, mit der fremden Menschen begegnet wird und auch schwere Krisen überwunden werden.